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Ohnmachtsgefühle in der verwalteten Welt: Hartmut Rosas neues Buch

4 min31 maj 2026
Wer Formulare ausfüllt, kennt das Problem. ‚Trifft zu‘ oder ‚Trifft nicht zu‘ soll man ankreuzen. ‚Wählen Sie eins oder zwei‘ fordert die automatisierte Telefon-Stimme. Aber oft passt der eigene Fall nicht ins Raster. Das Besondere, Individuelle kann mittels einer Logik des Richtig oder Falsch nicht erfasst werden. So ist es mit vielen und immer mehr Dingen im Alltag und im Berufsleben, meint Hartmut Rosa. Der Soziologe sieht den modernen Menschen in den Fängen von Richtlinien und Formularen, von Algorithmen und Apps mit starren Vorgaben. Der Autor spricht von Konstellationen, und er glaubt: Sie nehmen uns den Entscheidungsspielraum.  „Die Folge des Lebens in einer konstellativ organisierten und verwalteten Welt aber ist, dass sich kognitive, praktische und moralische (und am Ende auch politische) Urteilskraft gar nicht mehr ausbilden.“
Erfahrung, Augenmaß und Fingerspitzengefühl sind nicht mehr nötig in einer Welt, die mir beim Spielen wie beim Korrigieren von Hausarbeiten bis ins Detail sagt, was zu tun ist.“ 

Quelle: Hartmut Rosa - Situation und Konstellation

In der Falle der Rationalität  

Hartmut Rosa weiß natürlich, dass bürokratische Rationalität, also das Absehen vom Einzelfall, die Bewertung ohne Ansehen der Person, grundlegend war und ist für Fairness, Emanzipation und moderne Individualität. Richtlinien schaffen Berechenbarkeit, sie sorgen für Rechts- und Planungssicherheit. Doch um immer komplexere Situationen in den Griff zu bekommen, werden Gesetzbücher und Regelwerke zunehmend dicker. Die Moderne, so scheint es, hat sich totgesiegt.   „Das Versprechen der Moderne (als Projekt) bestand und besteht darin, uns Menschen zum Handeln zu befähigen, unser Handeln von übermächtigen situativen Zwängen zu befreien; es besteht nicht darin, uns vom Handeln zu befreien und in unseren Tätigkeiten von den Situationen, in die wir eingebettet sind, gleichsam abzutrennen.“ 

Kollektiver Burnout 

Der Drang zu immer stärkerer Verrechtlichung und Reglementierung produziere Ohnmachtsgefühle. Rosa glaubt, dass von der verwalteten Welt ein direkter Weg zum individuellen und kollektiven Burnout führt, zu Depression und Angstsymptomen. Denkbar sei aber auch, dass die Handlungsenergie nicht verkümmere, sondern sich aufstaue und in Affekten entlade. Rosa sieht hierin eine Erklärung für den Erfolg autoritärer Bewegungen und Führungsfiguren. Politiker wie Donald Trump oder der argentinische Präsident Javier Milei würden als „Idole verwegenen Handelns“ geradezu verehrt.  
Sie benennen den Golf von Mexiko um, holen sich (wenigstens rhetorisch) den Panamakanal zurück, greifen nach Grönland, träumen davon, Gaza zu kaufen und in eine neue Riviera zu verwandeln.

Quelle: Hartmut Rosa - Situation und Konstellation

„Dass ist nicht Vollziehen, das ist souveränes Handeln, jedenfalls der Idee, dem Versprechen und dem Anspruch nach.“ 

Ein glückliches Leben 

Dass Handlungsspielräume missbraucht werden können, ist keine neue Einsicht. Politiker wie Trump führen nur besonders deutlich die Auswirkungen exzessiver Handlungsmacht vor Augen.  Hartmut Rosa räumt ein, dass es schwierig ist, zwischen angemessenen Regelabweichungen und inadäquaten Verstößen zu unterscheiden. Er plädiert deshalb dafür, „Spielräume innerhalb der Systemlogik von Organisationen“ zu suchen. Diese Spielräume aber seien entscheidend für ein gelingendes und glückliches Leben.    „Wir fühlen uns lebendig, wenn und wo wir handeln; wir fühlen uns erschöpft und ausgebrannt, wenn wir Stunde um Stunde, im Berufsleben wie in der Freizeit, mit dem vollziehenden Abarbeiten von To-do-Listen, mit dem Ausfüllen von Formularen und Anträgen, mit dem Ausführen genauer Vorgaben, mit Klicken und Scrollen beschäftigt sind.“  Diese kluge, anschauliche und gut lesbare Gegenwartsdiagnose zielt nicht nur auf gesellschaftliche Strukturen, sie adressiert jeden Einzelnen. Hartmut Rosa verbindet seine Theorie der Moderne mit philosophischen Betrachtungen zum guten Leben. Sein Buch verhilft dazu, nicht nur anders auf unsere Welt zu schauen, sondern auch das eigene Tun zu hinterfragen. 

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