Es beginnt alles ganz harmlos in der Redaktion einer Lokalzeitung irgendwo in Österreich.
Der Starkolumnist des Blattes, ein Mann namens Pertak, stolziert an einem heißen Julitag durch das Großraumbüro in sein abgetrenntes Einzelzimmer, wie üblich wichtigtuerisch mit seinem Mobiltelefon hantierend.
Und wie üblich geht der Pertak am Vormittag in die kleine Redaktionsküche, um sich ein spätes Frühstück zuzubereiten. Da geschieht das Unglück:
„Der Pertak klapperte dahin in der Kaffeeküche, rührte in der Besteckschublade, äußerte Missmut, weil er irgendetwas nicht dort fand, wo er es zu finden gewünscht hatte, säbelte knuspernd Gebäckteile entzwei und knackte – und hier passierte es nun – den Deckel eines Gurkenglases auf.“
Das Nächste, was zu uns hinüber in den Großraum drang, war ein schriller Schrei, dann ein ärgerliches Zischen, dann eine Kette derbster Flüche.Quelle: Johanna Sebauer – Das Gurkerl
Gurkerlverbot aus Sicherheitsgründen
Dem Pertak ist beim Öffnen des Gurkerl-Glases ein Spritzer Essigwasser ins Auge geraten. Am folgenden Tag erscheint er mit einem blendend weißen Augenpflaster in der Redaktion. Was nun folgt, ist ein Lehrstück in Sachen Medien und Öffentlichkeit. „Das Gurkerl“ ist eine schmale Erzählung. Großzügig ergänzt durch die markanten Illustrationen von Nikolaus Heidelbach, kommt der Band auf gerade einmal rund 48 Seiten. Doch Sebauers Text ist erstens sehr lustig, zweitens legt er auf satirische Weise gleich eine ganze Reihe unschöner Mechanismen der Gegenwart frei. Es ist, wie gesagt, Juli. Saure-Gurken-Zeit im wahrsten Sinne des Wortes. Was also macht der Pertak? Schreibt eine Kolumne. Ob es wirklich sein müsse, ein potentiell so gefährliches und stark ätzendes Produkt wie die Essiggurke frei zu verkaufen? Es meldet sich eine Schuldirektorin im Ruhestand, die angibt, den Kindern aus Sicherheitsgründen schon vor Jahrzehnten die Gurkerl-Scheiben aus den Semmeln herausgezogen zu haben. Es dauert nicht lange, da meldet sich der Trägerverein einer Kindertagesstätte zu Wort: „Durch das ätzende Gurkerlwasser, durch die Glitschigkeit insbesondere der bereits geschnittenen Gurkerl, insbesondere der zu Dekorationszwecken beliebten, in gleich mehrere Lamellen geschnittenen Gurkenfächer entstehe ein Sicherheitsrisiko, welches man hiermit zu minimieren versuche.“Das Absurde und die Realität
Ja, dieser Text ist eine Groteske, die sich dadurch auszeichnet, dass sie hemmungslos übertreibt. Doch Johanna Sebauer hat bereits in ihrem wunderbaren Debütroman „Nincshof“ unter Beweis gestellt, wie nah das Absurde und die Realität beieinander liegen können. Da geht es um ein Dorf im Burgenland, dessen Bewohner beschließen, dass sie zukünftig von der ganzen Welt vergessen werden wollen, um ihre Ruhe zu haben. Das Essiggurkerl in der Erzählung wiederum steht als Symbol dafür, wie eine Petitesse eine Erregungsmaschinerie in Gang setzt. Man darf daran erinnern, dass in Deutschland kürzlich am Beispiel eines Wals ein Staatsversagen konstruiert werden sollte. Auch mit Hilfe der sozialen Medien.Dynamik der sozialen Medien
A propos: Auch die tragen in „Das Gurkerl“ zu einer Dynamik bei, die das ganze Land in eine Pro- und eine Contra-Fraktion aufspaltet und auch bald die Phrasendrescher der intellektuellen Bedenkenträgerfraktion auf den Plan ruft: „Dass die Gewürzgurke ihren Ursprung in China habe, schrieb eine Wochenzeitung aus der Hauptstadt, zur Zeit der Ming-Dynastie habe sie die Arbeiter ernährt, die, zwangsverpflichtet, die Chinesische Mauer errichten mussten. Ein Gemüse, nicht frei von problematischer Geschichte mit ihr eingewobenen Unterdrückungsmechanismen.“ Die liebevoll-bissigen Illustrationen von Nikolaus Heidelbach untermauern die Stärken von Johanna Sebauers kleinem, hochkomischen Lehrstück. Und für Mitte Juli hat der DuMont Verlag den neuen Roman der Österreicherin angekündigt. Gerade rechtzeitig für die Saure-Gurken-Zeit.Fler avsnitt av SWR Kultur lesenswert - Literatur
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