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Wie eine Frau gegen ihre Seelenqualen kämpft

4 min27 juli 2026
Die Ich-Erzählerin von Naja Marie Aidts Roman „Aus dem Dunkel“ führte ein auf den ersten Blick normales Leben. Doch dann stößt ihr im Alter von 57 Jahren etwas Schreckliches zu, über das sie unfähig ist, zu sprechen. Sie wird krank, muss ihre Arbeit als Leiterin einer Kita aufgeben. Selbst die Bewältigung des Alltags fällt ihr schwer und Begegnungen mit den drei Söhnen, den beiden Enkelinnen oder mit ihren vier Freundinnen aus Jugendzeiten steht sie oft nicht durch. Ihre Diagnose: Posttraumatische Belastungsstörung. Sie besucht regelmäßig einen Therapeuten, den sie den PTBS-Mann nennt.   „Es ist mitten am Tag, aber das Wintergrau wirft keine Schatten, zerfließt beinahe. Ich liege auf dem grünen Sofa und schreibe Nicola. Die Lampe mit dem gelben Schirm wirft sanftes Licht auf die Kommode in der Wohnzimmerecke. Februar. Mein Körper ist bleischwer, wie immer, wenn ich zurückkomme“, schreibt Naja Marie Aidt.
Nach den Sitzungen bin ich wahnsinnig erschöpft. Mir wurde strenge Ruhe verordnet. Das ist sehr belastend, hat man mir erklärt, wenn Sie hier waren, dürfen Sie sich erst mal nichts anderes vornehmen. 

Quelle: Naja Marie Aidt – Aus dem Dunkel

Eine Art Therapietagebuch 

Der Roman ist eine Art Therapietagebuch. Die Erzählerin lässt die Leserschaft an den Sitzungen teilhaben. Sie gibt Teile der Dialoge mit dem PTBS-Mann wieder, andere fasst sie zusammen. Sie wird von Sitzung zu Sitzung tapferer, sich ihren Dämonen zu stellen. Dabei kommt unter anderem heraus, dass sie als Kind unter der Gewalt des Vaters und einer wegschauenden Mutter litt und im Alter von neunzehn Jahren vergewaltigt wurde.  Mit dem furchtbaren Erlebnis, das die Posttraumatische Belastungsstörung ausgelöst hat, kann sie sich und die Leserschaft erst am Ende der Therapie – und des Romans – konfrontieren, weil ihr zuvor die Kraft fehlt. Das macht das Buch spannend. Die Leserschaft erfährt auch, dass dieses Erlebnis nicht die alleinige Ursache für den Zusammenbruch war, der sich etwa in Angstattacken äußert: „Trauen wir uns, allein in einem Ferienhaus mit großen Fenstern zu übernachten 
trauen wir uns, allein spazieren zu gehen, im tiefen Wald am verlassenen Strand 
trauen wir uns, abends durchs Industriegebiet zu radeln 
trauen wir uns, einen späten Zug nach Hause zu nehmen (wie kommen wir vom Bahnhof nach Hause?) 
trauen wir uns, ein Taxi zu nehmen, trauen wir uns, dem Fahrer zu trauen? 
Und so weiter.“  
Wir trauen uns besser nicht. Nicht, weil wir übertrieben ängstlich sind, sondern weil wir einen Grund haben. 

Quelle: Naja Marie Aidt – Aus dem Dunkel

Der öffentliche Raum als Bedrohung 

Der Roman ist nur vordergründig die fesselnde Überlebensgeschichte einer einzelnen Person, er setzt vielmehr literarisch um, was Millionen von Frauen tagtäglich erleben: Sie sind der Gewalt von Männern ausgesetzt und der öffentliche Raum ist eine Bedrohung für sie.  Viele Frauen werden sich deshalb in dem Roman wiederfinden. Aidts Erzählerin klagt nicht, sie kämpft, was das Buch erst recht lesenswert macht. Unterstützung hat sie dabei von ihren vier Jugend-Freundinnen. Im Gegensatz zu ihrer Familie geben sie ihr Halt, ohne Gegenleistungen zu erwarten.   „Nicola schickt mir oft ein Herz, wenn ich zu Hause angekommen bin. Nicola mit den krausen Haaren und den kräftigen Händen. Und Annie und Lea und Rose. Meine Freundinnen. Wir sitzen gern in einer unserer Küchen zusammen und trinken Kaffee.“
Ohne diese Freundinnen, diese Frauen, die alle ihr Päckchen zu tragen haben, hätte ich mein Leben nie bewältigt. So sehe ich das. Sie sind meine Gefolgschaft und umgekehrt.

Quelle: Naja Marie Aidt – Aus dem Dunkel

Ein Mutmacher-Buch 

Naja Marie Aidts Roman ist somit ebenfalls ein Plädoyer für Freundschaft. Auch sie hilft ihr aus der Depression. Man erfährt vom Auf und Ab der Therapie und kennt schließlich das Leben der Erzählerin mit all ihren kleinen und großen Geheimnissen.  Wenn es zunächst so aussehen mag, als sei „Aus dem Dunkel“ ein pessimistischer Roman – er ist genau das Gegenteil: Ein Mutmacher. 

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