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Auf der Suche nach „Zukunftsmut“. Gabriele von Arnims Tagebuch der Polykrise

4 min28 juli 2026
Gabriele von Arnim wird achtundsiebzig und beschließt an ihrem Geburtstag, ein Jahr lang Tagebuch zu führen über das Thema Abschied in seinen vielen Formen: als Trennung und Verlust ebenso wie als Befreiung und Verwandlung.  Im Verlauf dieses Jahres wird in den USA Trump die Allianzen in der Welt verändern, Israel wird den Iran angreifen und Friedrich Merz wird mit Hilfe der AfD sein sogenanntes „Zustrombegrenzungsgesetz“ durch den Bundestag bringen. Die engagierte Demokratin von Arnim ist entsetzt.    

Sprache prägt das Denken 

„Sprache prägt das Denken, und aus dem Denken erwachsen Handlungen, Taten. Je häufiger wir das Wort hören, umso weniger soll es uns stören. Wieder ein gefährliches Normalisierungsgeschleiche in unsere Köpfe. Um dann ungestört die neue Normalität durchzusetzen“, schreibt von Arnim in ihrem Tagebuch. 
Trump macht es vor. Merz übt sich innenpolitisch noch im Trumpismus. Ich musste die Debatte im Bundestag immer wieder abstellen, weil mir übel wurde. 

Quelle: Gabriele von Arnim – Abschied leben

Gabriele von Arnim muss sich im Jahr 2025 von vielen Gewissheiten verabschieden, politisch und privat. Freundinnen werden dement und schwer krank, sie selbst ist gehbehindert und wagt sich bei Glatteis nicht mehr auf die Straße. Aber sie verabschiedet sich auch von ihrem lebenslangen Kontrollzwang und erlaubt es sich, Tage auf dem Sofa zu verträumen. „Ich will auf Zerstörung nicht mit Selbstzerstörung antworten“, sagt sie, aber dann stürzt sie sich jeden Morgen wieder mit, wie sie es nennt, „räuberischer Gier“ auf die Nachrichten.  „Immer mal wieder entferne ich mich vom Weltgeschehen, übe mich in der Ausblendung aktueller Schrecken. Aber die Gefühle des Entsetzens, die innere Unruhe fräsen sich immer mehr in mich hinein. Immer wieder muss ich Kraft und Lachen suchen in mir, Weltmut.“ 

Auf der Suche nach Zukunftsmut 

Politik nimmt den größten Raum in diesem Tagebuch ein, und heute wissen wir: Es ist vieles noch schlimmer gekommen. Das Medium Buch eignet sich nicht gut für Tagespolitik, das können Zeitungen und das Internet besser. Gabriele von Arnim macht sich bei Psychologinnen, Historikern, Soziologen und Schriftstellerinnen auf die Suche nach dem, was sie Zukunftsmut nennt. Sie findet durchaus Beispiele gelebten Miteinanders, aber sie selbst scheint sich nicht ermutigt zu fühlen und wird von Fragen umgetrieben. 
Wie kann eine Gesellschaft resilienter, wie repariert werden, wie übt man Widerstandskraft, wie lernen, den erreichten Fortschritt zu beschützen und daraus Befriedigung zu ziehen. Woran sich orientieren, wenn ‚Weltverlust‘zu ‚Selbstverlust‘ führt.

Quelle: Gabriele von Arnim – Abschied leben

Räume des gegenseitigen Vertrauens schaffen 

Das ganze Jahr über ringt Gabriele von Arnim darum, trotz der Ereignisse in der Welt ihre Kraft nicht zu verlieren. Dieser Balance-Akt ist Menschen, die bewusst leben, sehr vertraut. Gerade deshalb wäre es so wichtig gewesen, dass diese kluge Autorin nicht nur ein Zeitgefühl in Worte fasst, sondern zeigt, wie man sich auch als politisch wache Person Freude und Leichtigkeit bewahren kann. Im Grunde weiß sie ja, was nötig wäre, auch wenn es bei ihr vorerst noch wie eine Beschwörung klingt.  „Jetzt gilt es mehr denn je, Anstand und Rebellion, Mitgefühl und Freiheit zu leben und zu bewahren, Ideen zu entwickeln. Uns mit anderen zu verbinden und zusammen kleine Räume der Offenheit oder gar Zartheit zu gestalten, Räume des gegenseitigen Vertrauens. Das Freiheits-Fundament, das wir noch haben, zu befestigen, damit auch die nächste Generation noch einigermaßen stabil darauf stehen kann.“

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