Sveriges mest populära poddar
SWR Kultur lesenswert - Literatur

Ein Buch der Erinnerung: Marek Torčíks Debütroman „Was die Zeit nicht nimmt“

7 min22 maj 2026
Marek ist anders. Der zarte, schüchterne Junge kreist beim Gehen mit dem Becken. Auf dem Fußballfeld steht er nur herum, am liebsten verbringt er die Zeit zu Hause mit seinen Büchern. Seine alleinerziehende Mutter hat kaum Geld. In der mährischen Provinzstadt Přerov sind das keine guten Voraussetzungen für einen Heranwachsenden. Marek versucht, sein Anderssein zu verbergen, aber den Angriffen der anderen entkommt er nicht. „Irgendwann in der vierten Klasse haben dich Filip und die anderen auf dem Klo attackiert. Im Gesicht spürst du Kälte und Feuchtigkeit, den Druck einer Hand im Genick. Sie hatten dir den Kopf ins Keramikbecken gesteckt.“
„Merk dir das“, brüllte jemand und dir lief inzwischen das Wasser in die Nase. „Hier gehörste her, zur Pisse und zur Kacke.“

Quelle: Marek Torčík - Was die Zeit nicht nimmt

„Du hast nach Luft geschnappt, gehustet, wieder zu atmen versucht, stattdessen hast du nur weiter das dreckige Wasser geschluckt. Sekunde um Sekunde verschwand im Dunkeln.“

Verstreute Erinnerungssplitter

Der Debütroman von Marek Torčík ist ein Buch der Erinnerung. Sein Protagonist Marek, der mehr als den Namen mit dem Autor gemein hat, ist ein erwachsener, junger Mann, der die Provinz hinter sich gelassen hat und in Prag lebt. Der Tod des Großvaters veranlasst ihn dazu, in die Stadt seiner Kindheit zurückzukehren und über die vergangenen Jahre nachzudenken. Marek Torčík hat diesen Erinnerungsstrom nicht gebändigt und zeitlich geordnet. Ganz so wie die Rückbesinnung sprunghaft und assoziativ ist, besteht auch der Roman aus verstreuten Erinnerungssplittern ohne eine stringente zeitliche Abfolge. Das macht die Lektüre anspruchsvoll, aber auch reizvoll. „Vielleicht wäre es einfacher gewesen, eine lineare Geschichte zu schreiben, wenn man bedenkt, dass es um schwere Themen geht. Aber für mich drehte sich in dem Roman alles um Erinnerung. Also musste ich deren Natur treu bleiben“ , erläutert der Autor im Gespräch. „Wenn ich mich an eine Sache erinnere, führt mich das zu einer völlig anderen, nicht damit zusammenhängenden Sache, die dann in all diesen großen Schleifen wieder dorthin zurückführt, wo ich angefangen habe. Es war schwer, alles zusammenzuhalten.“
Für mich ging es darum, das Durcheinander zu vermitteln, das Erinnerungen sind, und zu verdeutlichen, wie sie uns belügen, gerade weil sie niemals gleich bleiben können.

Quelle: Marek Torčík

Alkoholiker und Tyrann

Zu den schweren Themen, um die diese Rückschau kreist, gehört nicht nur das Mobbing in der Schule, sondern auch die prekäre Situation zu Hause. Mareks Mutter schuftet in einer Fabrik und lebt in beständiger Sorge vor der nächsten Entlassungswelle. Der Großvater ist durch die zerstörerischen Erfahrungen unter dem kommunistischen Regime zum Alkoholiker und Tyrannen geworden. Politikern misstraut man in Mareks gründlich desillusionierter Familie ganz grundsätzlich, haben sich doch auch die Versprechungen der Umbruchszeit nur als leere Worthülsen erwiesen. „Heute, sobald irgendjemand im Fernsehen Freiheiten einfordert oder die Demokratie beschwört, hebt deine Mutter die Stimme, sie schreit fast, außer sich vor Empörung.“
Und was nützt mir die scheiß Freiheit, wenn ich für so n verblödeten Urlaub nicht mal Zeit hab und auch nicht weiß, von was ich bitte das Geld dafür sparen soll?

Quelle: Marek Torčík - Was die Zeit nicht nimmt

Ein rauer Ton bestimmt den häuslichen Umgang. Ich „zerfetz dich wie nen Frosch“, droht die häufig müde, aber trotzdem zugewandte Mutter einmal. Dieser Rückblick beschönigt nichts. Geschont wird niemand. Auch Marek nicht. Es ist nicht er, der in diesem Roman erzählt, kein mit sich selbst nachsichtiges Ich erinnert sich an erlittene Torturen und Schmerzen. Vielmehr spricht eine ungenannte Instanz den jungen Erwachsenen, der auf dem Weg zur Beerdigung ist, mit „Du“ an. Wie in einem therapeutischen Setting werden so abgespaltene Teile von Mareks Selbst offenbar. Als Marian neu in die Klasse kommt, ist Marek froh, dass sich die Aggressionen nun vor allem gegen diesen richten. Der Neue steht ebenfalls auf Jungen, aber außerdem kommt er aus einer Roma-Familie und leidet an einer Hautkrankheit. Marian ist derart deutlich anders, dass er es nicht verbergen kann und dies – anders als Marek – auch gar nicht versucht.

Der eigene Weg

„Ich habe beim Schreiben viel über das Scheitern nachgedacht, und Scheitern ist für mich etwas sehr Kraftvolles. Denn wenn man scheitert, lernt man normalerweise viel mehr, als wenn man gewinnt“, findet Marek Torčík. „Wenn man sich seiner Umgebung nicht anpassen kann, dann lernt man gewissermaßen, andere Wege zu finden, sich zu bewegen, zu leben, zu denken, ja, sich selbst zu akzeptieren – und genau das tut Marian.“ Die beiden Jungen verkörpern unterschiedliche Möglichkeiten mit Drohungen und Gewalt umzugehen. Während Marek sich versteckt und vorgibt, jemand zu sein, der er nicht ist, bleibt Marian bei sich selbst und gewinnt daraus eine Stärke, um die Marek ihn beneidet. Beide kommen sich näher und finden Rückzugsorte, wo sie ungestört sein können. Es ist Marek, der diese Freundschaft und Liebe aufkündigt. Er entflieht den vergifteten Verhältnissen, geht aufs Gymnasium und anschließend zum Studium nach Prag. So findet er schließlich seinen eigenen Weg, sich nicht mehr verstellen zu müssen und um der sein zu können, der er ist.   

Demütigungen und Zuneigung

Marek Torčíks Roman erinnert in mancherlei Hinsicht an das Debüt des französischen Erfolgsautors Édouard Louis. Auch dieser erzählte in „Das Ende von Eddy“ von einer von Armut und Gewalt bestimmten Kindheit in der Provinz und dem Aufbruch in ein neues Leben. Aber während Louis mit gnadenloser Schärfe mit seiner Herkunftswelt abrechnet, ist Torčíks Buch milder und nachsichtiger. Auch Marek wird zwar zum Fremden im eigenen Milieu. „Du hast das Gefühl, als würdet ihr jeweils eine andere Sprache sprechen“, heißt es einmal. Auch er fühlt sich unverstanden. Dennoch blickt er liebevoll auf seine Mutter: „Es liegt eine Schönheit darin, einfach nur zu leben und zu überleben, und besonders die Frauen in dem Roman sind für mich Heldinnen“, findet der Autor. „Vor allem, weil sie so wenig haben, worüber sie sich freuen können, aber sie machen trotzdem weiter und glauben weiterhin daran, dass sie nach einer gewissen Zeit ein besseres Leben haben werden – eine Hoffnung, die ich selbst sehr selten habe, da ich ein sehr skeptischer Mensch bin. Der Roman endet mit einem Satz der Mutter. Es sei doch besser nur die schönen Dinge im Kopf zu behalten, den Rest würde man ohnehin vergessen. Für Marek gilt das nicht. „Was die Zeit nicht nimmt“ – das sind für ihn Erinnerungen an Demütigungen und Schmerzen, aber auch an Zuneigung und Fürsorge. Dieser Mix ist es, der Marek Torčíks bemerkenswertem Debüt einen ganz eigenen Ton verleiht.

Fler avsnitt av SWR Kultur lesenswert - Literatur

Visa alla avsnitt av SWR Kultur lesenswert - Literatur

SWR Kultur lesenswert - Literatur med SWR finns tillgänglig på flera plattformar. Informationen på denna sida kommer från offentliga podd-flöden.