Ein Song wurde zum Startsignal für die Revolution in Portugal. Als am 25. April 1974 gegen 00:20 Uhr das 1964 von dem Liedermacher José Afonso komponierte und verbotene Kampflied Grândola Vila Morena im Radio erklang, war dies das Zeichen loszuschlagen.
Linksgerichtete Soldaten besetzten wichtige Schaltstellen in Lissabon. Die Menschen strömten auf die Straßen und schlossen sich den Aufständischen an. Sie steckten Nelken in die Gewehrläufe der Soldaten. Die Blumen wurden zum Symbol einer friedlichen Revolution, nur vier Menschen starben durch Schüsse der Geheimpolizei.
Die Diktatur des Estado Novo, die seit 1933 das Land im Klammergriff tiefer Rückständigkeit hielt, wurde in wenigen Stunden hinweggefegt. Das letzte europäische Kolonialreich fiel in sich zusammen.
Jahrzehnte später hat Lídia Jorge einen Roman über die Nelkenrevolution geschrieben, der den Enthusiasmus des Moments einfängt, vor allem aber danach fragt, was aus den Hoffnungen von einst geworden ist.
In ihrem Haus an der Algarve, wo Lídia Jorge geboren und aufgewachsen ist, erzählt sie, was den Anstoß gab zu dem Roman, den sie selbst als ihren wichtigsten betrachtet.
Krisenstimmung
„Ich habe dieses Buch in den zwei Jahren zwischen 2012 und 2013 geschrieben. Es war eine schwere Zeit in Portugal. Wir hatten sehr große Probleme. Vor allem die jungen Erwachsenen meinten, die Revolution sei umsonst gewesen, es wäre besser gewesen, in der Diktatur zu verharren. Es war sehr traurig zu erleben, wie sie über die Revolution dachten. Und ich beschloss, für sie zu schreiben.“ Eine dieser jungen Erwachsenen, Ana Maria Machado, kommt im Roman dreißig Jahre nach der Revolution aus den USA in ihr Heimatland zurück, um im Auftrag von CBS eine Fernsehdokumentation über die epochalen Ereignisse zu machen. Sie tut sich mit zwei früheren Studienfreunden zusammen, um die Protagonisten von einst zu interviewen. Das erstaunte Trio trifft jedoch nicht auf strahlende Sieger, sondern auf desillusionierte Helden des Rückzugs. „Jede Revolution ist eine große Freude, die große Traurigkeit ankündigt“, sagt ein Offizier beim Interview. Zwischen seinen Träumen und der Realität liegt ein Ozean. Wie seine Gefährten ist er ein Enttäuschter, dem es nicht gelungen ist, sich mit den Banalitäten des Alltags zu arrangieren. Für die Karriere oder die Beförderung zu kämpfen, erschien ihm kleinlich, wo er doch für größere Ziele angetreten war.Die Armen bleiben arm
„Eine Revolution ist ein utopischer Moment. Aber die Utopie bleibt immer unvollendet. Man wägt Gewinn und Verlust gegeneinander ab. Und manchmal ist der Verlust sehr schwerwiegend. Die Vorstellung, dass die Ungerechtigkeit der Vergangenheit bis heute fortbesteht, erzeugt eine Art Schrecken. Wir hatten eine Revolution, aber die Reichen bleiben reich, die Armen bleiben arm. Es ist mehr als nur etwas Soziales. Es ist etwas Ontologisches.“ Lídia Jorge bettet die portugiesische Revolution in einen breiteren europäischen Kontext ein. Während Ana Maria Machado in Lissabon recherchiert, reisen andere Reporter nach Berlin, Prag und Budapest. Was sie dort in Erfahrung bringen, bleibt außen vor. Naheliegend aber scheint es, den friedlichen Umbruch in Portugal als Model für den gesellschaftlichen Wandel in Europa, aber auch für dessen Begrenztheit zu betrachten. Bereits in ihrem Debütroman „Der Tag der Wunder“ hat sich Lídia Jorge 1980 mit der Nelkenrevolution auseinandergesetzt. Sie sieht sich selbst als Chronistin des Wandels in Portugal. Gemeinsam mit José Saramago und dem kürzlich verstorbenen António Lobo Antunes bildet sie das literarische Dreigestirn des modernen Portugals. So unterschiedlich die Romane des Trios sind, so sehr sind die drei Autoren doch verbunden durch die gemeinsamen Erfahrungen der jüngeren Geschichte ihres Landes, die ihr Schreiben entscheidend geprägt haben. „Wir gehören zu einer Generation, die darüber geschrieben hat, wie ein Imperium fällt. Portugal war die erste und die letzte europäische Kolonialmacht. Ich denke, dass unsere Generation von dem Gefühl berührt war: Wir haben eine Tür geschlossen und öffnen eine andere Welt.“Code-Melodie der Zukunft
„Die Stunde der Nelken“ ist kein historisch-realistischer Bericht, sondern fragt danach, wie die Revolution erinnert wird. Die zentralen Figuren haben historische Vorbilder. Lídia Jorge, die während der Revolution Lehrerin in der portugiesischen Kolonie Mosambik war, hat mit den Helden des Umsturzes Interviews geführt. Ohnehin kennt sie die maßgeblichen Akteure von einst persönlich. Ihr Ehemann gehörte zum inneren Kreis der Verschwörer. Er stand Pate für die Romanfigur des Anwalts Salamida, der dafür sorgte, dass im Radio das Codelied gesendet wurde und zu dessen Lebensaufgabe es geworden ist, nach einer Melodie zu suchen, die das Signal sein könnte für einen neuen Aufbruch.Eine Code-Melodie der Zukunft, tauglich für die Medien der neuen Welt. Keine U2, kein Bruce Springsteen, nichts dergleichen, oh nein! Nichts dergleichen.„Ein Musikstück ohne Worte, ohne Schritte, ohne erkennbare Instrumente, manchmal wusste er selbst nicht, ob es vielleicht nur ein menschlicher Schrei oder das Pfeifen eines Raubvogels wäre. Er suchte, suchte“, endet die Passage. An dieser Stelle scheint am stärksten die Zukunftsperspektive im Roman auf. Ausbuchstabiert wird sie nicht. Aber deutlich wird trotzdem, dass „Die Stunde der Nelken“, sich keineswegs im Rückblick erschöpft. „Es ist ein Buch, das von den Stärken der Menschen erzählt. Es ist möglich, Veränderungen anzustoßen und zu hoffen. Jetzt befinden wir uns in einem neuen Zyklus. Die Revolution ist Teil der Geschichte. Jetzt ist es notwendig, eine andere Utopie zu entwerfen, um die Welt zu verändern, um eine bessere Welt zu schaffen.“Quelle: Lídia Jorge – Die Stunde der Nelken
Fehlbare Menschen
Im portugiesischen Original heißt der von Marianne Gareis kunstvoll übersetzte Roman “Os Memoráveis”, was auf Deutsch wörtlich „Die Erinnernswerten“ bedeutet und die Intension des Buches auf den Punkt bringt: Lídia Jorge setzt den Männern der Revolution ein Denkmal. Sie betrachtet sie voller Sympathie, aber sie stellt sie auf kein Podest. Vielmehr zeigt sie mit feinem Humor und psychologischem Scharfsinn ihre Begrenztheiten. Es sind fehlbare Menschen, die sich oftmals in tragikomischen Situationen wiederfinden: Der Stratege der Revolution etwa reitet bei stürmischem Wellengang am Strand entlang, um 30 Jahre nach dem Umsturz für einen angekündigten Dreh zu trainieren und möglichst eindrucksvolle Bilder zu liefern. Doch das Filmteam der BBC kommt nicht. Er ist einem üblen Scherz aufgesessen. Eine besonders tragische Rolle nimmt im Roman der Vater von Anna Maria Machado ein. Lídia Jorge erzählt seine Geschichte parallel zu den Interviews und beleuchtet dabei eine berührende Vater-Tochter-Beziehung. Antonio Machado war ein berühmter Journalist, der treffsicher die Zukunft voraussagte, dem es jedoch nicht gelang, sich mit den neuen Gegebenheiten zu arrangieren. Seine Weigerung sich anzupassen, ist am entschiedensten, sein Rückzug total. Es ist seine Tochter, die ihn rettet. Denn Anna Maria Machado blickt am Ende ihrer Recherchen anders auf ihren Vater und seine revolutionären Mitstreiter. Aus Distanz ist Anteilnahme geworden. Das Drehbuch zum Film schreibt sie erst sechs Jahre später. Alles Komische und Tragische wird darin ausgespart. Denn andernfalls würde das ideale Bild der Revolution eingetrübt, das die Auftraggeber aus den USA erwarten. Das Fernsehpublikum soll nur das Erhabene zu sehen bekommen. Die Leser dieses großen und vielschichtigen Romans hingegen wissen auch um die Niederlagen und Rückschläge, um menschliche Schwächen und Eitelkeiten. Dass Lídia Jorge die ganze Geschichte erzählt, heißt indes vermutlich keineswegs, dass sie den Film als Feier eines euphorischen Aufbruchs nicht trotzdem empfehlen würde.Fler avsnitt av SWR Kultur lesenswert - Literatur
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