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Ein kollektives Traumarchiv: „Träume in Europa“ von Wolfram Lotz

4 min21 april 2026
Wovon träumt das Internet? Gibt es so etwas wie ein kollektives Traumarchiv? Wolfram Lotz richtet für Antworten den Blick auf das Private. Das ist überraschend interessant, zuweilen intim, manchmal auch unterhaltsam. Streckenweise wird man beim Lesen in die Warteschlange gestellt: Statt spektakulärer Pointen erklingt vermeintlich Unscheinbares, Banales. Eine Zumutung? Oder doch eher eine Meditation? Vielleicht wird das Buch gerade deswegen zu einer besonderen Lektüre: Die ebenso erheiternd wie tiefenpsychologisch gefärbt sein kann:  „Ich war in meinem Haus und seltsamerweise bemerkte ich plötzlich, dass aus irgendeinem Grund ein kleiner Vogel in meinem Anus steckte, und ich glaube, zur gleichen Zeit fand draußen ein Aufruhr oder so etwas statt, zumindest waren viele Leute auf der Straße, und in der Ferne sah ich Feuerschein.“ 

Lob des vermeintlich Banalen 

Kopulierendes Obst, Sexfantasien mit Ex-Partnern oder masturbierende Eltern – An Trieberzählungen mangelt es dem Buch nicht. Ob das repräsentativ für die konfliktreiche Gegenwart ist – der Autor lässt es offen. Die altbekannten freudschen Traummotive blitzen nur zwischen den Zeilen auf, jedoch ohne symbolische Ausdeutung. Ein Lob des Unspektakulären, das aber nicht minder unheimlich sein kann:  
Ich befand mich plötzlich vor einer Art Militärgericht, weil ich mit Socken herumgelaufen war. Barfuß oder mit Schuhen wäre okay gewesen, aber für Socken war quasi die Todesstrafe vorgesehen. 

Quelle: Wolfram Lotz – Träume in Europa

Anonyme Traumfiguren 

„Schreibend mit etwas anderem in Kontakt treten wollen“: Darin sieht der Autor eine Parallele zu seinem vorherigen Werk „Heilige Schrift 1“– hier wie dort verweigert er sich jeder Kategorisierung. Und skizziert schemenhafte Charaktere.  Das erweckt beim Lesen den Eindruck, man hätte es mit Traumfiguren zu tun. Statt einer einheitlichen Biografie: aufgefädelte Erzählschnipsel. Lotz weicht das, was gemeinhin unter ‚Identität‘ verstanden wird, zugunsten einer Vielstimmigkeit auf: ‚Ich ist nicht nur ein Anderer, sondern Viele‘, könnte man sagen. Da gibt es weibliche und männliche Erzählstimmen, aber auch mal nicht-menschliche, wenn die Welt aus Sicht eines Geräts erscheint und Gefühle auf einmal ganz plastisch werden:   
Ich bin ein Gefährt, das auf vier Gummireifen durch die Gegend fährt. Ich fahre einen Feldweg entlang und hupe vor mich hin, aber niemand hört mich.

Quelle: Wolfram Lotz – Träume in Europa

„Irgendwann führt der Feldweg ziemlich steil nach unten, ich werde immer schneller. Unten angekommen, zerbreche ich. Ich werde nicht repariert. Eine mir fremde Person schiebt mich in einen Schuppen und lässt mich dort stehen.“

Europäische Echokammer 

Bei diesem Projekt bleibt offen: Worin liegt das spezifisch ‚europäische‘ dieser Erzählungen? Was hat der Autor wirklich gefunden, was dazuerfunden? Und wer erteilt ihm das Recht, diese intimen Details zu teilen? Eine mögliche Antwort: Die anonymen Tiefen des Internets verlangen ein diffundierendes Erzählen.  Konsequenterweise zieht sich Lotz aus dem Text zurück. Auf dem Cover erscheint sein Name nicht. Am Ende des Buches wird eine Liste an Internetlinks als Quellen präsentiert.  Träumen verbindet: Weil alle Träume von nahezu jedem Menschen geträumt werden könnten, zeigt diese Collage, dass uns womöglich mehr verbindet, als wir denken. 

Unwirkliche Wirklichkeiten 

Einen Blick in die Zukunft wagt der Autor nicht: Vielleicht ein Hinweis auf die zunehmende Orientierungslosigkeit in der Gegenwart. In diesem Sinne ist der Text Ausdruck des Gefühls, dass die Wirklichkeit vielleicht traumhafter und damit: innerlicher wird. Statt bekannter Traumdeutungen erzählt Lotz von versteckten Wünschen und intimen Gefühlen. Sein Buch ist ein Porträt über anonyme Träumende aus ganz Europa. Und es entfaltet in der Sprache der Träume eine ganz eigene Poetik.

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