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Einfühlsamer Comic über Demenz: Lika Nüsslis „Vergiss dich nicht“

4 min25 maj 2026
Ihre eigene Erinnerung ist für die Zeichnerin Lika Nüssli ein Strom aus schwarzen Linien. Sie fließen auf dem Comic-Einband aus dem Stift, den ihre gezeichnete Hand hält. Wie Stromschnellen schlingen sie sich um- und übereinander. Mittendrin sitzt eine alte Frau und zieht einen Zipfel des Stroms über sich wie eine Decke. Auf den ersten Seiten des Buchs wird er dann zur Gebirgslandschaft, zum Pferderücken und zum Strickfaden. Je nachdem, welche Erinnerung Nüssli beschreibt und welche Figuren sich wie in ihm bewegen. Vieldeutig und doch ein undurchschaubares Gewebe – ein treffendes Bild für das, was wir unter menschlichem Geist verstehen.  

Die Erinnerung als dunkler, reißender Strom

Was übrig bleibt, wenn er sich auflöst, umreißt Lika Nüsssli mit schwarzem Stift auf den Seiten ihres Comics „Vergiss dich nicht“. Entstanden ist er als Reaktion auf die Demenzerkrankung ihrer Mutter. Darin versucht Nüssli, sich mit dem Zeichenstift an das Leben in und mit der Demenz anzunähern. Gleichzeitig ist er ihr eigenes Memoir. Denn am Anfang steht die Erinnerung an ihre Kindheit, deutlich durch das helle Grau der Seiten markiert. In kurzen Texten beschreibt sie die herzliche Beziehung zur Mutter und ihre Eindrücke des Lebens in der Wirtschaft, die die Eltern betrieben. Dazwischen zeichnet sie immer wieder den Strom aus schwarzen Linien, den wir schon vom Titelbild kennen. Mittendrin sie selbst als Mädchen und ihre Mutter, mal gemeinsam wandernd, mal getrennt, in sich selbst versunken. In der letzten Vignette springt Nüssli dann unvermittelt in die Jetzt-Zeit. In der lebt die Mutter in einem Heim für Demenzkranke.
Wenn ich dich besuche, kommen bei mir Fragen auf. Wo bin ich in dir? Fehle ich dir? Was ist geblieben an schönen Erinnerungen oder an schmerzlichen Erlebnissen? (...) Geht es dir gut, Mutter?

Quelle: Lika Nüssli – Vergiss dich nicht

Schwer zu sagen, obwohl das Buch den Fokus hin zur Welt der Mutter wechselt. Nun hält die Zeichnerin Szenen aus dem Alltag im Heim fest. Mit ihren groben schwarzen Strichen wirken sie bisweilen wie rasch hingeworfene Skizzen. Die Mutter sitzt stumm im Rollstuhl, ihr Blick schwankt zwischen Befremdung und kurzen Momenten der Klarheit. 

Demenz verbildlicht

Um sie herum kämpfen die Mitbewohnerinnen und -bewohner mit ihrem eigenen Fremdwerden in der Welt. Lika Nüssli protokolliert absurd-komische Dialoge zwischen ihnen ebenso wie die liebevolle Betreuung durch das Pflegepersonal. Dabei versucht sie auch, sich der Innenwelt der Dementen anzunähern. Die überlagert die streng quadratischen Rahmen der Bildsequenzen und sprengt die Logik von Handlungsabläufen. Aus den Zimmerpflanzen im Heim lässt Lika Nüssli Schlingen wuchern. Sie durchdringen die Körper der Demenzkranken und verwandeln sich über Seiten hinweg schließlich wieder in konkrete Bilder, Erinnerungen an die erste Liebe oder an traumatische Erlebnisse. Hin und wieder, aber nie ganz deutlich, scheinen Umrisse von Tieren, Landschaften oder Gegenständen aus den Linien aufzutauchen. Auf den letzten Seiten bleiben nur noch Bilder der Zimmerpflanzen und dazwischen Sprachfetzen der Demenzkranken in ihrer Muttersprache. 
Jo, jetzt simmer do. – Sono venuta da giovane sarta in Svizzera. – Einmal war ich wirklich glücklich. Das wurde mir aber erst später klar. – Wiedergeburt? Dumms Züüg!

Quelle: Lika Nüssli – Vergiss dich nicht

Am Ende bleiben nur Sprachfetzen 

Einfühlsam und fantasievoll spürt Lika Nüssli der Innenwelt der Demenzkranken nach, entfernt sich dabei von der Mutter.  Leider tritt der Comic dadurch nach einer Weile auf der Stelle, weil wir über das Leben der Figuren kaum etwas erfahren. Sie bleiben seltsam blass. Außerdem lässt Nüssli den Großteil der Dialoge im Schwyzerdütsch, was sich trotz vieler Übersetzungsanmerkungen sperrig liest. Die Stärke der Graphic Novel liegt vor allen in der Uneindeutigkeit der Bilder. Das Rätsel Erinnerung bleibt bei Lika Nüssli ungelöst.

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