Einsamkeit ist schmerzlich. Fast jeder Mensch erlebt sie irgendwann einmal – nach einem Umzug in eine fremde Stadt etwa, nach einer Scheidung oder nach der Verrentung.
Weil die alten sozialen Kontakte, die jeder Mensch braucht, weggebrochen sind. Zunächst einmal ist dieses Gefühl nicht nur negativ, stellt Psychologie-Professorin Maike Luhmann in ihrem Buch mit dem Titel „Einsamkeit“ fest:
„Weil es unser Instinkt ist, Schmerzen zu vermeiden, hat auch Einsamkeit eine motivierende Funktion: Sie treibt uns an, den Kontakt mit anderen Menschen zu suchen, um unsere sozialen Bedürfnisse wieder zu erfüllen – und damit unser Überleben zu sichern.“
Es ist also gut und wichtig, dass wir in der Lage sind, Einsamkeit zu empfinden! Und deshalb sind auch vorübergehende Einsamkeitsphasen ganz normal und erfüllen sogar einen wichtigen Zweck. Einsamkeit ist keine Krankheit.Quelle: Maike Luhmann – Einsamkeit. Warum sie uns alle betrifft
Einsamkeit als Gesundheitsrisiko
Einsamkeit kann aber zum gesundheitlichen Problem werden, wenn ein Mensch in die sogenannte Einsamkeitsspirale gerät, so Luhmann, wenn er zu lange einsam ist. Depressionen können die Folge sein, aber auch die Entstehung oder Verschlimmerung vieler Krankheiten. Laut Weltgesundheitsorganisation sterben weltweit pro Jahr 800.000 Menschen an den Folgen chronischer Einsamkeit. Teuer für die Allgemeinheit ist sie auch:In Spanien wurden die auf Einsamkeit zurückzuführenden gesundheitlichen Kosten auf 6,1 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt.Quelle: Maike Luhmann – Einsamkeit. Warum sie uns alle betrifft
Armut als ein Einsamkeitsrisiko von vielen
Maike Luhmann weist obendrein auf erste Studien hin, die Einsamkeit als Ursache für politische Radikalisierung ansehen. Die Autorin belegt ihre Aussagen zwar mit Statistiken und Studien aus der ganzen Welt, ein wissenschaftliches Buch will „Einsamkeit“ jedoch nicht sein. Dennoch gibt es viele Hinweise und weiterführende Literatur für Forschende. Ein Selbsthilfebuch ist „Einsamkeit“ auch nicht, obwohl Betroffene darin viele Ratschläge und Anlaufstellen finden. Oft geht die Autorin von Erfahrungen aus ihrem eigenen Umfeld aus, was das Buch lebendig und nachvollziehbar macht. Deutlich arbeitet Luhmann Einsamkeitsrisiken heraus. Armut ist eines davon:Viele soziale Aktivitäten finden an Orten statt, an denen man Geld ausgeben muss. Der Stadtbummel oder der Kneipenabend, der Ausflug in den Zoo oder der Besuch eines Konzerts oder Fußballspiels.„Große Entfernungen sind überwindbar, wenn man sich die Fahrt oder den Flug leisten kann. Es fällt einem leichter, Spielkameraden oder Bekannte nach Hause einzuladen, wenn die Wohnung groß genug ist und man etwas zu essen anbieten kann.“ Alleinerziehende und pflegende Angehörige leiden häufiger unter Einsamkeit als andere gesellschaftliche Gruppen, und soziale Gerechtigkeit, so Luhmann, könne da zu einer Verringerung führen.Quelle: Maike Luhmann – Einsamkeit. Warum sie uns alle betrifft
Einsamkeit verdient mehr Öffentlichkeit
Luhmann geht auch ausführlich auf den Einfluss von Digitalisierung und Sozialen Medien auf Einsamkeit ein und kommt zu dem Schluss, dass sie sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben. Das Arbeitsleben ist ebenfalls von Bedeutung: „In zwei Studien aus den USA und Japan war Einsamkeit umso höher, je mehr Stunden die Befragten wöchentlich arbeiten mussten. Eine koreanische Studie hat zudem ergeben, dass Arbeitnehmer:innen umso einsamer sind, je länger ihr Arbeitsweg ist – besonders wenn sie länger als eine Stunde unterwegs sind.“ Politische Entscheidungen – etwa über den Acht-Stunden-Tag – hätten demnach ebenfalls Einfluss über die Ausprägung von Einsamkeit. Überhaupt haben Politik und Gesellschaft laut Luhmann viele Möglichkeiten, Einsamkeitsrisiken zu senken: Wenn sie beispielsweise dem Thema mehr Öffentlichkeit geben würden, könnten sich mehr einsame Menschen trauen, Hilfe zu suchen. Wer sich als interessierter Laie mit Einsamkeit, ihren Ursachen, Ausprägungen und Folgen beschäftigen will, ist mit Maike Luhmanns Buch gut aufgestellt.Fler avsnitt av SWR Kultur lesenswert - Literatur
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