Kann ich das? Zurückschlagen?
Viele Frauen – und gewiss auch einige Männer – werden dieses Buch mit großen Erwartungen aufschlagen. Ist der Umschwung in der Stimmung gegenüber Frauen doch überall zu spüren. Zur Untermauerung ein paar Zahlen des Bundeskriminalamts: Allein zwei Drittel der Opfer von Gewalt im Netz sind weiblich. Insgesamt, so das BKA, ist die Anzahl der frauenfeindlichen Straftaten im Jahr 2024 um 73,3 Prozent nach oben geschnellt. Also ist die Sehnsucht nach Beistand, Rat, Analyse groß. Ein Buch mit dem Titel „Fighting like a Woman. Die Geschichte der Frauen, die zurückschlagen“, – ein Verb im Präsens, zurückschlagen, so ein Buch entzündet Hoffnungen. Zum Beispiel die, nicht mehr wehrlos zu sein. Aber auch die Frage: Kann ich das? Zurückschlagen?Training an der Schlagpratze
Die Autorin Andrea Böhm praktiziert seit Jahrzehnten verschiedene Kampfsportarten und unterrichtet selbst: „Und es geht ja nicht darum, dass wir lernen zu kicken wie Bruce Lee oder sonst irgendwas Akrobatisches zu veranstalten. Spielerisch ein Körperbewusstsein zu schärfen, was kann ich eigentlich alles so wahrnehmen, wie kann ich mein Gleichgewicht halten in Situationen, wo ich plötzlich aufgeregt bin?“, erläutert die ZEIT-Redakteurin. „Bis hin zu dem Aha-Moment, den ich bei jungen Mädchen wie auch bei älteren Frauen immer wieder erlebe, wenn die das erste Mal auf eine Schlagpratze hauen dürfen und völlig verdattert sind, weil sie noch nie gespürt haben, wie viel Kraft sie eigentlich haben.“ Die Schlagpratze ist ein Polster, an dem man trainiert zuzuschlagen. Wie viel Kraft hat eine Frau? Im Oberkörper deutlich weniger als ein Mann, schreibt Böhm. Das war mal anders, fasst sie Studien von Historikern zusammen. Um 3000 vor Christus waren die Geschlechter wohl gleich stark. Bis es wieder so weit sei und muskulärer Gleichstand herrsche, sollten die Frauen einen Satz der Feministin Mary Wollstonecraft beherzigen. Böhm zitiert ihn in „Fighting like a Woman“:„Ich möchte Frauen überzeugen zu versuchen, sich Kraft anzueignen. Nicht nur Kraft des Geistes, sondern auch des Körpers.“Quelle: Andrea Böhm - Fighting like a Woman
Der Sidekick in die Weichteile
Denn Emanzipation funktioniere nur, wenn sie auch physisch gelebt werde, ist sich Andrea Böhm sicher. „Eine Motivation für dieses Buch war ja eine Situation im Libanon. Das war 2019. Da gab es Massenproteste wegen Korruption und schlechtem Regieren. Da gab es eine Szene, dass der Leibwächter eines Politikers aus dem Auto gestiegen ist, mitten in die Menschenmenge mit seiner Kalaschnikow da rumgeschossen hat“, erzählt Böhm. „Und da kommt aus der Menge der Demonstranten eine kleine zierliche Frau und verpasst ihm einen – ich kann das beurteilen – exzellenten Sidekick in die Weichteile.“Enttäuschte Erwartungen
Ausführlich schreibt Böhm über Schau-Boxerinnen in Mexiko, Bäuerinnen in Schwarzafrika, die mit dem Gewehr vor der Brust aufs Feld gehen, britische Suffragetten, die 1914 in geheimen Dojos trainierten, um im Straßenkampf mit der Polizei nicht chancenlos zu sein. Immerhin ging es um ihr Wahlrecht. Wir lesen von Frauen aus allen Zeiten und von allen Erdteilen und haben a) den Verdacht, in einer losen Sammlung bereits erschienener Artikel zu blättern und b) das Gefühl, ausgemachte Hasenfüße zu sein. Was diese Frauen sich alles trauten! Aber dann – endlich – kommt Andrea Böhm auch auf die hiesige Gegenwart zu sprechen. Und das ist erhellend. Sie erklärt das männliche Gewaltmonopol im öffentlichen Raum, die Vergewaltigungskultur – ja - und wer jetzt empört den Kopf schüttelt, dem zählt sie auf: Herr Pelicot und seine vielen Nachahmer auf den Pornoseiten im Netz, der Fall Epstein und Andrew Tate, eine Art Zuhälter im industriellen Maßstab. Zum Schluss hat uns Andrea Böhm überzeugt. Nicht nur ihren Geist sollten die Frauen stark machen, sondern auch ihren Körper.Fler avsnitt av SWR Kultur lesenswert - Literatur
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