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„John of John” von Douglas Stuart: Verlorener Sohn kehrt auf Hebriden-Insel zurück

7 min24 april 2026
Wieder nach Hause zu kommen, das ist für Cal hart – so hart, dass er seine Ankunft sorgfältig plant. Und eine Ecstasy-Pille nimmt, um die Überfahrt auf die Insel, auf der sein Vater und seine Großmutter leben, angenehmer zu gestalten. Dieser Plan – so weich wie möglich in der harten Heimat zu landen – der geht natürlich schief. Denn: die Batterien seines Walkmans – der Roman spielt Anfang der 1990er Jahre – geben den Geist auf, der Regen durchweicht Cals Kleidung:
Sein ganzer Besitz passte in einen Rucksack und eine halbe Mülltüte. Er hatte weniger als zehn Minuten gebraucht, um vier Jahre seines Lebens zu verstauen.

Quelle: Douglas Stuart – John of John

„Er hatte ein bisschen länger gebraucht, um sich selbst zusammenzupacken, all die Eigenschaften zu verbergen, die sich auf dem Festland allmählich entfaltet hatten. Doch eigentlich hatte er sich seit dem College nicht sehr verändert, und als er durch die Kabine ging, fragte er sich, ob er nicht immer gewusst hatte, dass sie ihn irgendwann zwingen würden, zurückzukommen“, endet die Passage.

Sohn seines Vaters

Man würde Cal gerne eine Tarnkappe wünschen, um unauffällig heimzukehren. Tatsächlich aber wird er gleich auf der Überfahrt erkannt. Und in der kleinen Inselwelt der schottischen äußeren Hebriden wird Cal als der erkannt, der er für die Menschen hier ist. John Calum MacLeod, der Sohn seines Vaters John MacLeod – auf der Insel ist Cal ist also wieder John of John. Der Sohn von John.

Aus der Großstadt zurück auf die kleine Insel

Genau aus dieser eindeutigen Herkunft war Cal nach Edinburgh geflohen. Cal ist schwul, er trägt grüne Haare, er war auf einer Modehochschule, er hört Grunge und nimmt Drogen. Zuletzt hatte er keinen festen Wohnsitz. Nach der Ankunft auf der fiktiven Insel Falabay hat er es nicht eilig, den Bus nach Hause zu erwischen: „Er ließ sich Zeit und leerte die letzte Dose Cider. Im Schutz des Wartehäuschens packte er seinen Rucksack aus und sorgfältig wieder ein. Ganz unten verstaute er den Walkman und die selbst aufgenommenen Mixkassetten und deckte sie mit ein paar alten The-Face-Ausgaben ab“, schreibt Douglas Stuart. „In der Vordertasche steckte eine kostenlose Schwulenzeitschrift. (…) Er faltete die Zeitung klein und schob sie ins Futter seines Rucksacks, weil (…) es sicherer wäre, sie später zu Hause zu verbrennen. Am Ende stopfte er seine schmutzige Wäsche in den Rucksack und krönte das Ganze stolz mit der alten Bibel seiner Mutter.“

Mehr als Trainspotting-Anleihen

Allein diese Konstellation – der verlorene Sohn, der gescheiterte Sohn kehrt nach Hause zurück – könnte genug Stoff für einen Roman abgeben. Aber was Douglas Stuarts „John of John“ zu einem so guten Roman macht: Stuart lässt Cal eben nicht wie einen Trainspotting-Charakter mit Drogen und Popkultur über die Insel stolpern. Stattdessen stellt Douglas Stuart Cal zwei ebenbürtige Charaktere an die Seite. Die Großmutter Ella und Cals Vater John, die beide in einer klaustrophobischen Hütte auf der kargen Insel leben und altern. Schafe züchten und Tweed weben. Die wilde Schönheit der Landschaft, in der sie leben – und durch die Touristen und „Festländer“ in Funktionskleidung wandern – sie ist für die Inselbewohner so alltäglich wie Regen und Wind. Schönheit, die erleben Cal und sein Vater gemeinsam in den Schattierungen des Tweeds, den sie in ihrer dunklen Hütte weben. „Er ging zu den Brettern mit den Garnen. Auf der ganzen Welt war dieses Regal Cals liebster  Ort. (…) Die Fächer waren voll mit Hunderten von Garnen in allen romantischen Farben Schottlands: Farn und Moorhuhn, Ginster und Heidekraut, Regen und Moos, das gebeutelte Rosa einer Säufernase und ein bleiches, verkatertes Weiß“, beschreibt Stuart die Farben. „Dazwischen gab es punkige Neonpinks und ätzende Gelbs, aggressive Töne, vor denen die Leute zurückwichen, bis sie den fertigen Stoff vor sich hatten und sahen, wie meisterhaft John die sauren Grüns mit Weizen und Nachtschatten mischte, bis eine Frühlingswiese voller Glockenblumen herauskam.“

Das biblische Gleichnis

Das biblische Gleichnis vom verlorenen Sohn – es endet mit dem Vater, der den heimgekommenen Sohn aufnimmt. Douglas Stuart schreibt dieses Gleichnis fort – wie gehen Vater und Sohn nach der Heimkehr miteinander um? Machen Sie sich Vorwürfe? Wie viel Liebe steckt in Ihnen? Was weiß man eigentlich über die anderen Familienmitglieder? Im Interview mit seinem Verlag hatte Stuart Geheimnisse und Liebe in der Familie als die zentralen Themen des Romans bezeichnet: „In diesem Buch geht es um Geheimnisse – und obwohl meine Charaktere sich wirklich als Familie lieben, gibt es viele Dinge, die ungesagt bleiben.  Niemand kennt einen so gut wie die eigene Familie – aber auch vor den Menschen, die man am besten kennt, verbirgt man Dinge. Das gilt für uns alle – aber besonders für queere Menschen.“ Stuart sagt weiter: „Ich wollte über dieses Trio schreiben, das am Rande des Meeres lebt und arbeitet. Die zusammen essen, die sich lieben und zusammen beten. Sie lieben sich sehr – und doch: Sie kennen sich gar nicht.“ Und tatsächlich: Liebe IST ein großes Thema in Stuarts Roman – sie zeigt ähnlich viele Schattierungen wie der Tweed, an dem hier ständig gewebt wird.

Erziehung zur Härte

Aber: die Liebe zwischen Vater und Sohn, sie ist auch gewaltvoll. Wie aus dem Alten Testament – schließlich sind die wenigen Menschen auf den Inseln strenge Calvinisten. Sünde, Schuld und Gott sind hier wichtige Konzepte. Homosexualität ist so wenig vorstellbar wie 30 Grad im Schatten. In einer der vielen Rückblenden, mit denen der Roman Cals Kindheit beschreibt, will John seinem neunjährigen Sohn das Schwimmen beibringen. Erfolglos. Und John wirkt hier selbst  wie ein harter Gott, der ein zu weiches Kind bestraft.
John griff ihm ins Genick, seine Finger waren so lang, dass er mit einer Hand fast Cals Hals umfasste, und schleppte seinen Sohn wie einen Welpen, den er ertränken wollte, in die Brandung.

Quelle: Douglas Stuart – John of John

„Dann hob er ihn hoch und warf ihn ins Wasser, weit über das Türkisblau hinaus, tief in den schwärzesten Teil des Meers. Cal drehte sich in der Luft, ein wirbelndes Bündel Körperteile, und durchschlug mit den Schulterblättern die Oberfläche.“

Das gleiche Schicksal

Douglas Stuart verlangt seinem Lese-Publikum einiges ab, wenn er diesen schlagenden, schlechten Vater John im Verlauf des mehr als 500-seitigen Romans zu einem nachvollziehbaren und sogar liebenswerten Charakter macht. Der ebenso wie sein Sohn schwul ist – der seine Sexualität mühsam verborgen hält und versucht, die Traditionen der Insel und sein eigenes Begehren irgendwie zu vereinen. Was natürlich in der engen Inselgemeinschaft nicht gut gehen kann - aber dennoch  rührende literarische Querverweise mit sich bringt – etwa, wenn John und sein heimlicher Liebhaber zusammen „Sturmhöhe“von Emily Brontë lesen. Douglas Stuart hatte in seinem Booker-Prize-Roman „Shuggie Bain“ einen schwulen Jungen aus einer Sozialsiedlung in Glasgow und dessen zärtlich-kompliziertes Verhältnis zu seiner Mutter geschildert. In mancher Hinsicht wirkt es, als wäre „John of John“ ein Echo von „Shuggie Bain“, als hätte Stuart die Wohnsilo-Bewohner Glasgows auf den unwirtlichen Inseln im Nordwesten Schottlands ausgesetzt. Dorthin also, wo es wenig Ablenkung, dafür aber Schafe und Traditionen gibt und noch mehr Raum für Fragen wie: Wer bin ich? Und wen lassen mich die anderen sein? Schade, dass Stuart den Booker Prize schon einmal gewonnen hat, „John of John“ ist ein Lese-Erlebnis.

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