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Katastrophen in East Harlem: „Lazarus Man" von Richard Price

4 min14 april 2026
Richard Price wurde in der Bronx geboren, dort wuchs er auf, er studierte in New York City, heute, in seinen Siebzigern, lebt er in Harlem. Die Straßen der Großstädte sind sein literarisches Revier, er hat einen Blick für die Eigenheiten der verschiedenen Stadtviertel, ein Ohr für den Zungenschlag der Menschen und ein Gedächtnis für lokale Geschichte. So wurde die Handlung seines neuen Romans von einem Ereignis inspiriert, das im Jahr 2014 East Harlem erschütterte. Damals verursachte ein Gasleck den Einsturz eines fünfstöckigen Wohnhauses und forderte zahlreiche Menschenleben. 

Untergang und Auferstehung 

Für Anthony Carter jedoch, der mit seinem Leben in einer Sackgasse gelandet ist, bringt das Unglück eine überraschende Wende. Er wird nach zwei Tagen unversehrt aus den Trümmern geborgen und plötzlich kann er eine Geschichte von neuen Perspektiven erzählen.  
Wissen Sie, man blickt auf sein Leben zurück, und wünscht sich, die Chance zu haben, die Zeit zurückzudrehen und die Fehler auszubügeln … Und ich habe das Gefühl, diese Chance erhalten zu haben, und ich werde sie nicht vertun. 

Quelle: Richard Price – Lazarus Man

Anthony Carter wird zum „Lazarus Man“ des Romantitels, zum exemplarisch Geretteten, der fortan mit seinem Beispiel auch anderen Mut und Hoffnung geben kann. Schließlich gibt es im Ensemble der Romanfiguren niemanden, dessen Alltag nicht einem Krisengebiet gleichen würde.  

Momentaufnahme eines New Yorker Stadtteils 

Anne Collins steckt in der Klemme, weil ihr Sohn in Gefahr schwebt, zwischen die Mühlsteine von Polizei und Drogengangs zu geraten. Detective Mary Rose wandelt wie auf rohen Eiern durch die Straßen, um ja keine Aggressionen zu provozieren. Der Bestatter Royal Davis bekommt zu wenige Aufträge und Felix Pearl schlägt sich mit seiner Kamera für wenig Geld als Stadtviertelchronist durch. Die meisten in der Nachbarschaft sind Afroamerikaner, die nach wie vor ein waches Gespür für rassistische Signale haben. Anthony sagt es so: 
Es schlaucht, immer auf der Hut sein zu müssen, deshalb bin ich lieber mit Leuten zusammen, die wissen, was Sache ist. 

Quelle: Richard Price – Lazarus Man

Richard Price bietet in seinem Roman die facettenreiche Momentaufnahme eines New Yorker Stadtteils mit schnell wechselnden Perspektiven der verschiedenen Figuren.  

Höflichkeit gegen Kontrollverlust 

Sein zentrales Kunstmittel, für das er berühmt ist, sind die der sozialen Wirklichkeit abgelauschten Dialoge. Besonders bezeichnend ist die Art, wie die Menschen miteinander kommunizieren, gleich ob im öffentlichen Raum oder im intimen Beziehungsgespräch. Damit nur ja nichts außer Kontrolle gerät, bemüht sich jeder um Höflichkeit und Respekt. Der Exmann der Polizistin Mary Rose nennt es einen „Eiertanz" und seufzt: 
Ich weiß auch nicht … Keiner will ins Fettnäpfchen treten, jeder zeigt sich von der besten Seite, es ist echt beschissen nervenaufreibend. 

Quelle: Richard Price – Lazarus Man

Im Schmelztiegel brodelt es, niemand hat es leicht. Permanent ringen alle um Haltung und Zuversicht, während aus dem East Village schon wieder der Einsturz eines Hauses gemeldet wird. Wie lebt es sich auf solch schwankendem Boden? Das beschreibt Richard Price mit großem Einfühlungsvermögen. Und obwohl er kein Afroamerikaner ist, lässt sich sein Roman „Lazarus Man" ohne weiteres als würdiger aktueller Nachfolger der schwarzen Harlem Renaissance aus den 1920er Jahren ansehen.

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