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Rasanter „Roadtrip in Versen“ von Yevgeniy Breyger

6 min13 mars 2026

Homers Odyssee, die Geburtsstunde der europäischen Literatur

Einstmals klang das so: „Andra moi ennepe, Musa,
polütropon, hos malla polla planchthe“ Auf Deutsch: „Erzähle mir, Muse, die Taten
des vielgewanderten Mannes“ Das ist der Anfang von Homers Odyssee und gleichsam die Geburtsstunde der europäischen Literatur. In ihr gibt es die berühmte Geschichte vom Zyklopen Polyphem, dem einäugigen Riesen, der Odysseus und seine Gefährten gefangengenommen hat und immer mal wieder genüsslich einen verspeist. Aber dem schlauen Odysseus gelingt es, das einzige Auge des Ungetüms zu blenden. Der Listenreiche hat dem tumben Kerl seinen Spitznamen genannt und nicht seinen richtigen. Dieser lautet nämlich „oytis“, der gleichzeitig wie das griechische Wort für „niemand“ klingt. Da hilft das verzweifelte Rufen: „Niemand hat mich geblendet“, des Ungetüms nichts. Seine Zyklopenfreude kapieren gar nicht, was er will.

Langgedichte aus der Neuzeit

Und heute beginnen Langgedichte so:
Er erzählte mir die Geschichte, wie er im Auto fuhr, wie er also im Auto fuhr und versuchte, keinem Gedanken zu folgen.

Quelle: Yevgeniy Breyger – hallo niemand

Yevgeniy Breyger hat seinen, wie er im Untertitel schreibt „Roadtrip in Versen“, in klarer Anspielung auf Homer „hallo niemand“ genannt. Dieser Niemand ist das Alter Ego des Autors, mal da, mal fort, und oft genug ist bei dem wilden Verwirrspiel gar nicht klar, wer spricht, das Ich oder der andere - „Umwege um das Ich-sagen“, nennt Breyger dieses Verfahren. Aber genau diese Verdopplung eröffnet ihm die verrücktesten Phantasieräume, sozusagen eine Schulung im Möglichkeitssinn.

Pathetische Entfesslung

Und was Breyger entfesselt, ist schon allerhand. Mit biblischem Pathos heißt es: „Niemand sei dein heiliger Name, die klaffende Wunde, du blutendes Loch aus dem die Teufel sprießen und das Atom“. Also der Glaube und das Wissen, das Böse und die Hoffnung auf Gutes, Schuld und Unschuld. Breygers Motor: Nichts denken, die Sätze machen lassen, schauen, was passiert. Oder anders: Die Geburt der Geschichte aus dem Geist der Buchstaben, könnte man sagen. „die welt ist ein herrlicher ort, die welt ist kein entbehrlicher ort / die welt ist ein bärchenwort und lebt im netz aus härchen fort / die welt ist das löwenmähnchen am amöbenbärtchen / kein löchriges schönmärchen schläft beim versöhnmädchen es trillert preise der zwetschgen durch den naschmarkt laut/ bevor es sandschlösser in die grundstücke der händler baut / ist die welt erst am sich selbst verschönern, wird ein vogel / in ihren zahlen und figuren und keaturen wohnen welt ist das eine, welt ist das andere, sie durchfährt mich / wenn ich von wörtchen zu mördchen wandere / welt ist weder gut noch schlecht / ich bastele mir ein nest in der welt zurecht / o welt, du mutter aller klagen"

Ich und Niemand auf der Autobahn

Die Reise mit einem Audi, lateinisch für „Horch!“, beginnt in Magdeburg, führt, nach einem Schlenker zur Dorfkirche in Klein Gübs, nach Wien ins obere Belvedere-Schloss, wo Gustav Klimts berühmtestes Gemälde „Der Kuss“ hängt. Danach rasen Ich und Niemand zu einem Zirkus, bei dem der Erzähler seine Schweinenummer vorführt als hätte die Göttin Kirke ihn persönlich verwandelt. Über den Naschmarkt von Wien geht die wilde Fahrt nach Hamburg, wo der Erzähler in einer Folterkammer landet, die Gregor Gysi mit den zwei Schmidts betreibt, mit Helmut und Harald. Alle verführerisch wie die Sirenen in superengen kurzen Bluejeans-Shorts.

Fieberträume und rettende Reime

Das klingt reichlich irre und ist doch noch nicht alles an Haken, die die Story schlägt: Alice Weidel treibt ihr Unwesen in entfesselten Alpträumen, Olaf Scholz spukt herum und Friedrich März, mit ä bitte, tritt in die AfD ein. Weidel unterwandert die CDU, um sie in eine NCDU zu verwandeln, eine neue CDU. Allenfalls der Reim kann die Fieberträume des Protagonisten bändigen:
willkommen zurück, raunt gysi mit list / die brille blitzt klug, doch das lächeln vermisst / neben ihm weidel, die augen wie stahl / und scholz murmelt leise, fast klinisch banal / ein klemmbrett knackt, papier raschelt trocken / die worte erklingen, melodisch, dann stockend / patient zeigt symptome von schwerer verirrung / paranoiden ideen und realitätsverwirrung

Quelle: Yevgeniy Breyger – hallo niemand

Lyrik braucht keinen Sicherheitsgurt

Aber wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Unser Held beschließt in die Politik zu gehen, um Kanzler zu werden, um in einem großen Showdown gegen Weidel anzutreten. Spätestens jetzt dreht die Geschichte ins Religiöse. „Ich bin kein Odysseus, ich bin ja bloß Jude“ sagt unser Niemand. Aus der „Odyssee“ wird eine, Zitat, „Judisee“. Wir hören Zank und Streit im Hause Gottes, der Schöpfer klagt über seine Schöpfung und die Geschöpfe beschweren sich über ihn. Yevgeniy Breygers Roadtrip ist definitiv ein Trip, der keine Grenzen anerkennt, keine der Fantasie, keine der politischen Korrektheit, keine der Poesie. Lyrik braucht keinen Sicherheitsgurt. Möglichkeit schlägt Wirklichkeit. Das ist die eigentliche Botschaft. „Wrrrums“. 

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