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Reise ins Ungewisse: Safae El Khannoussis Debütroman „Oroppa“

4 min31 mars 2026
Aus marokkanischer Perspektive ist Europa kein Zufluchtsort, auch wenn es viele Nordafrikaner dorthin verschlagen hat. Von außen betrachtet wirkt der europäische Kontinent eher mitleiderregend. „Oroppa“ – so lautet das arabische Wort für Europa, das diese Gefühlslage beschreibt und das dem Debütroman der in Marokko geborenen und in Amsterdam aufgewachsenen Autorin Safae el Khannoussi den Titel gegeben hat.  
Europa ist ein gnadenloser Ort, schon seit Jahrhunderten, meine Vorfahren haben sich das von Weitem angesehen. Und als sie dann von der Katastrophe hörten, dachten sie nur: Was für ein Elend herrscht da am anderen Meeresufer. 

Quelle: Safae el Khannoussi – Oroppa

So sieht es die Künstlerin Salomé Abergel, die aus einer jüdisch-marokkanischen Familie stammt. Sie ist die zentrale Figur des Romans, allerdings als Leerstelle, denn sie ist kurz vor der Eröffnung einer großen Ausstellung ihrer Bilder verschwunden und wird gleich auf der ersten Seite des Romans für tot erklärt. Vielleicht ist diese Konstruktion des abwesenden Zentrums auch schon eine Aussage über das Europa, wie es Safae el Khannoussi konturiert.    

Suche nach der Verschwundenen 

Gleich mehrere Figuren machen sich auf die Suche nach der verschwundenen Künstlerin: Die jüdische Galeristin Hannah Melger kann die Ausstellung ohne sie nicht eröffnen. Der dicke, dubiose Restaurantbesitzer Hbib Lebyad versucht etwas zu verbergen, vor allem Salomés Bilder, die im Keller ihres Hauses in Amsterdam lagern.  Ihr Sohn Irad betreibt eine Kneipe in einem fiktiven 21. Arrondissement in Paris, Ort der Träumer, Trinker, Abgestürzten und Ausgegrenzten, überall und nirgendwo.  Und dann ist da noch der unberechenbare, gewalttätige Yousuf Slaoui, einst Folterknecht im Marokko der „bleiernen“ 1970er und 80er Jahre unter König Hassan II, inzwischen selbst schwer krank und totgeweiht.   Aus dessen Perspektive ist der eindrucksvolle zweite des vier Teile umfassenden Romans verfasst. Er erinnert sich verstörend genau daran, wie Oppositionelle, Islamisten, Marxisten, Studenten verfolgt, in Lager eingesperrt und gefoltert wurden.

Verarbeitung durch Kunst

Eines seiner Opfer war Salomé Abergel, die ihm schon deshalb unvergesslich ist, weil sie im Gefängnis ihr Kind zur Welt brachte – eben jenen Kneipenwirt Irad. Salomés surrealistische, an Hieronimus Bosch erinnernde Kellerbilder sind Versuche, sich den traumatischen Erinnerungen zu stellen: „Katzenähnliche Kreaturen fischten in Aquarien nach Ohrmuscheln. Gliedmaßen wuchsen aus Baumstämmen, kleine Insekten schleppten menschliche Körperteile wie Anhängsel. An den Bildrändern lösten sich Figuren aus dem Dunkel, tintenfischartige Wesen in Soldaten- oder Gefängniswärteruniform. Einspruch gegen alles Geordnete.“ Die Ereignisse des Romans lassen sich nur schwer zusammenfassen, weil er geradezu birst vor Figuren, Nebenfiguren, Geschichten und Nebengeschichten.

Ein mosaikartiges Panorama

Aus der Vielzahl der Stimmen entsteht ein mosaikartiges Panorama, chaotisch und unübersichtlich, unökonomisch und verschwenderisch – ein Durcheinander, das an sich schon Einspruch erhebt gegen jedes geordnete Leben, gegen alles Etablierte, Sichere, Selbstsichere.   Auch die verschwundene und sterbenskranke Salomé kehrt noch einmal ins Leben zurück. Sie reist von Tunis nach Djarba – oder doch nur ins endgültige Verschwinden. Ihrer  marokkanischen Geschichte, die mit diesem Roman zum Teil der europäischen Geschichte wird, kann sie nicht entrinnen. „Oroppa“ ist wilder, zerklüfteter, gefährlicher und auch größer als das Europa der Europäer. Genauso ist auch dieser unbändige, aberwitzige Roman, auf den man sich einlassen muss wie auf eine Reise ins Ungewisse.

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