Das perfekte Leben auf Social Media
Natalie Heller Mills führt auf ihrer Ranch „Yesteryear“ das perfekte Leben – zumindest nach außen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Caleb und ihren fünf Kindern verkauft sie auf Social Media das Bild der idealen Tradwife. Niemand soll wissen, dass hinter der perfekten Fassade eine Produzentin, sowie Nannys und Farmarbeiter stehen. Doch eines Tages wacht Natalie plötzlich in einer Vergangenheit auf, in der all das nicht existiert. Statt eines inszenierten Familienlebens erwartet sie nun harte Farmarbeit im Jahr 1855 - gemeinsam mit Kindern, die angeblich ihre eigenen sind, und einem Mann, den sie geheiratet haben soll. Wie Natalie dort gelandet ist, bleibt zunächst unklar.Das ist mein Zuhause. Das ist nicht mein Zuhause. Ich sehe meine Küche, die gleichzeitig nicht meine Küche ist.Quelle: Caro Claire Burke - Yesteryear
Die Vergangenheit erzählt die bessere Geschichte
Der eigentliche Reiz von „Yesteryear“ liegt jedoch nicht im Zeitsprung selbst, sondern in Natalies Innenleben. Kapitelweise springt der Roman zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her und zeigt, wie Natalie seit ihrer Collegezeit immer tiefer in ein konservatives Rollenbild hineinrutscht. Dabei wird schnell klar: Hinter der perfekten Fassade steckt weniger das Ideal der gehorsamen Hausfrau als der Wunsch nach Kontrolle. Natalie möchte nicht nur das Bild der idealen Christin und Mutter aufrechterhalten, sondern vor allem die Kontrolle über ihr eigenes Leben behalten. Besonders ihre eigene Mutter prägt dieses Denken früh. Natalie soll sich vorstellen, ständig beobachtet zu werden. Diese Haltung erklärt ihre paranoide Art und ihre Angst davor, als Frau zu versagen.Ein Trottel als Ehemann
Auch ihre Ehe mit Caleb hat wenig mit dem traditionellen Ideal zu tun, das Natalie ihren Fans im Netz verkauft. Obwohl sie sich als gehorsame Hausfrau inszeniert, gibt sie in der Ehe den Ton an. Sie redet Caleb seinen Wunsch aus, Kindergärtner zu werden, weil der Beruf nicht „männlich“ genug sei, und begegnet ihm immer wieder mit offener Verachtung.In diesem Moment verstand ich, dass mein Ehemann wirklich und wahrhaftig ein Trottel war.Und:Quelle: Caro Claire Burke - Yesteryear
In jeder Ehe kommt irgendwann der Tag, an dem man als Frau feststellt, dass man einen Freak geheiratet hat.Quelle: Caro Claire Burke - Yesteryear
Keine Bilderbuchchristin
Natalie wirkt oft wie eine Frau, die sich in ein Leben hineingezwungen hat, das sie eigentlich gar nicht führen möchte. Genau darin liegt die größte Stärke des Romans: „Yesteryear“ entlarvt das perfekt inszenierte Tradwife-Leben als fragile Selbsttäuschung. Caro Claire Burke zeichnet dabei bewusst eine ambivalente Hauptfigur. Natalie ist keine perfekte Christin und blüht nicht in ihrer Mutterrolle auf. Sie ist zynisch, passiv-aggressiv und urteilt ständig über andere Frauen. Schon während ihrer Collegezeit fragt sie sich:Warum hassen moderne Frauen Männer so sehr? Warum hassen moderne Frauen Kinder so sehr? Warum hassen moderne Frauen sich selbst so sehr?Besonders die sogenannten „wütenden Weiber“, Frauen, die ihren Content kritisieren, nimmt Natalie immer wieder ins Visier.Quelle: Caro Claire Burke - Yesteryear
Frauen können nicht gewinnen
Trotzdem bleibt der Roman nicht bei einer simplen Kritik konservativer Rollenbilder stehen. Denn auch die Gegenseite wirkt nicht glücklicher. Frauen wie Natalies frühere Kommilitonin Reena kämpfen mit Überarbeitung, emotionaler Erschöpfung und fehlender Anerkennung. Egal ob „Karrierefrau“ oder „Tradwife“: Keine der Frauen scheint wirklich zufrieden zu sein. Natalie bringt diese Erkenntnis selbst auf den Punkt:Amerika hasst Frauen. Wie tröstlich, sich diese Tatsache ins Gedächtnis zu rufen.Mit diesem Satz offenbart sich der eigentliche Kern des Romans. „Yesteryear“ erzählt weniger von Nostalgie als von gesellschaftlichem Druck und unerfüllbaren Erwartungen an Frauen und Mütter.Quelle: Caro Claire Burke - Yesteryear
Gesellschaftskritik hinter der Satire
Nebenbei streift das Buch weitere aktuelle Themen wie Missbrauch, konservative Politik und die sogenannte „Manosphere“. Diese Aspekte bleiben eher im Hintergrund, verleihen dem Roman aber zusätzliche gesellschaftliche Schärfe. Caro Claire Burke schreibt bildhaft und nah an Natalies Gedankenwelt. Die zynische, oft ironische Erzählstimme macht den Roman zudem unterhaltsam. Trotz der überspitzten Protagonistin bleibt der Roman sprachlich glaubwürdig und lässt zwischen den Zeilen viel Raum für eigene Interpretationen und Widersprüche.Starkes Debüt und kommende Verfilmung
„Yesteryear“ ist kein angenehmes Buch. Viele Passagen provozieren bewusst, manche Aussagen der Protagonistin sind schwer erträglich. Trotzdem entwickelt der Roman eine unangenehme Sogwirkung. Mit Natalie Heller Mills hat Caro Claire Burke eine Hauptfigur geschaffen, die gleichzeitig bemitleidenswert und abstoßend ist. Dass sich die Schauspielerin Anne Hathaway bereits vor Veröffentlichung des Buches die Filmrechte gesichert hat, überrascht deshalb kaum. Die Mischung aus Satire, psychologischem Drama und Gesellschaftskritik bietet genügend Stoff für eine ebenso verstörende wie faszinierende Verfilmung.Fler avsnitt av SWR Kultur lesenswert - Literatur
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