Alles beginnt mit einer zufälligen Entdeckung: In einem offenen Müllcontainer fällt der namenlosen Protagonistin im Vorbeigehen ein blaues Notizbuch auf: ein Tagebuch.
„Auf dem Einband klebt ein Etikett: „Yna 4-1990“. Fast unleserliche Seiten, ein Kalender von 1990, in dem einige Monate durchgestrichen sind.“
Einzelne Sätze: „I love you, I need you.“ Sie steckt das Notizbuch ein und geht langsam weiter. Es ist ein Geheimnis, ein magisches Objekt.Und: der Beginn einer Obsession. Die junge Frau aus Sara Barquineros Roman „Ich werde allein sein und ohne Party“ ist aus Madrid in ihre Heimatstadt gefahren, weil ihre Großtante gestorben ist. In Zaragoza wird die Protagonistin wie immer mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, vor allem mit der Abwesenheit des Vaters, der die Familie verlassen hat, als sie klein war. Doch durch den Fund des Tagebuchs der unbekannten Yna treten die eigenen Probleme scheinbar in den Hintergrund.Quelle: Sara Barquinero – Ich werde allein sein und ohne Party
Verzweifelte Sätze einer verlassenen Frau
Fasziniert vertieft sich die junge Frau in die Notizen Ynas, die vor dreißig Jahren einem Mann namens Alejandro hinterhertrauerte. Verzweifelte, flehende Sätze einer verlassenen, einsamen Frau:Sie kann sich nur an dem Geschriebenen entlanghangeln, an dieser Vehemenz, diesen Worten, dieser Liebe. Zwischen morbider Neugier und Neid fragt sie sich, ob sie jemals so intensiv gefühlt hat. Wenn ja, kann sie sich nicht daran erinnern.„Sie drückt die Zigarette aus und blättert weiter: eine Seite mit durchgedrückter Tinte, unleserlich, nächste Seite, unleserlich, am 10. Mai: „Morgen werd ich zweiunddreißig. Das Glück, dass Alejandro sich erinnert, werde ich nicht haben, sicher nicht. Ich werde allein sein und ohne Party“, so die Protagonistin.Quelle: Sara Barquinero – Ich werde allein sein und ohne Party
Detektivischer Roadtrip durch Spanien
Von dem fremden Unglück ist die Romanfigur schließlich so besessen, dass sie sich auf die Suche nach jenem Mann macht, der Yna einst das Herz brach. Ihren Freund, ihren Job, alles gibt die Protagonistin auf und beginnt einen detektivischen Roadtrip durch Spanien, um Alejandro drei Jahrzehnte später auf die Spur zu kommen. Dabei wirkt die junge Millennial-Frau selbst zunehmend verloren, bekämpft die eigene Einsamkeit mit flüchtigen sexuellen Begegnungen und gerät am Ende in eine tiefe existentielle Krise. Warum die Protagonistin ihr eigenes Leben auf Standby setzt, um einem Phantom aus der Vergangenheit hinterherzujagen, erschließt sich nicht sofort. An dieser Stelle sei erwähnt, dass es Ynas Tagebuch wirklich gibt. Fotos der Notizen mit verschmierter Tinte illustrieren Sara Barquineros Roman. Gefunden hatte das Büchlein eine Freundin der Autorin – und Barquinero diente es als Inspiration.Nachdenken über Beziehungen im Wandel
Die Idee, ihre Romanfigur loszuschicken, um das Leben und Lieben unbekannter Menschen zu erkunden, ist originell – und überwiegend spannend umgesetzt. Letztendlich dienen die Irrungen und Wirrungen der Protagonistin dazu, gewichtige Fragen zu verhandeln: Wie lässt es sich lieben – verbindlich, aber ohne sich selbst zu verlieren? Ist Liebe Zufall oder Schicksal? Was macht es mit Menschen, wenn sie von einem Elternteil verlassen werden? Und: Wie lange lassen sich Kindheitstraumata verdrängen – und zu welchem Preis?In letzter Zeit träume ich oft von ihm. Von meiner Kindheit, wenn mich andere Kinder gefragt haben, warum ich keinen Vater hab.„Und mir hat der Gedanke gleichzeitig gefallen und Angst gemacht, dass sich an einem bestimmten Punkt der Vergangenheit alles ein ums andere Mal wiederholt, dass nicht alles verloren ist. Ich hab mich Yna und ihrem Warten gegenüber irgendwie verantwortlich gefühlt.“ Der Roman „Ich werde allein sein und ohne Party“ ist eine Reflexion über Beziehungen im Wandel. Auch wenn Sara Barquinero promovierte Philosophin ist, sie schreibt alles andere als akademisch: Lektüre mit Tiefgang in einer frischen und direkten Sprache.Quelle: Sara Barquinero – Ich werde allein sein und ohne Party
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