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Unterwegs durch Spanien, Italien und Lateinamerika: Fritz Rudolf Fries' „Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies“

4 min19 april 2026

„Der wahre Leser muss der erweiterte Autor sein“

„Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies“: Der Titel stammt aus einem Nachwort zu José Lezama Limas Roman „Paradiso“, das Fritz Rudolf Fries 1982 verfasst hat. Er ist programmatisch zu verstehen – wie auch das Zitat von Novalis eingangs: „Der wahre Leser muss der erweiterte Autor sein.“ Dieses dialektische Prinzip steht für Fries im Zentrum seiner Poetologie. Erst die Resonanz autorisiert das Werk. 
Das wiedergewonnene Paradies ist das Bild der Kindheit. Doch: Kann die Unschuld der Kindheit (im poetischen Sinn) nicht die Weisheit einer befreiten Menschheit sein?

Quelle: Fritz Rudolf Fries – Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies

„Paradies“ ist das Schlüsselwort. Es gipfelt in der Literatur, die Fries „als unser letztes Paradies“ begreift. 

Im Land von Oobliadooh 

Der Fries-Experte Helmut Böttiger hat die bemerkenswerte Auswahl herausgegeben. Aus seinem Nachwort erfahren wir, dass sich das Werk von Fritz Rudolf Fries nicht auf den Begriff „DDR-Literatur“ reduzieren lässt. Fries, 1935 in Bilbao geboren und als Kind nach Leipzig gebracht, wuchs zweisprachig auf. Die spanische und lateinamerikanische Literatur war ihm wesensverwandter als die deutsche, er begeisterte sich für Jazz und debütierte 1966 mit dem Roman „Der Weg nach Oobliadooh“. Vor genau sechzig Jahren kam sein furioser Erstling, der von seinen zahlreichen Büchern wohl am meisten Beachtung erfuhr, im Westen heraus, bei Suhrkamp.  Fries blieb im Osten, er lebte in Petershagen bei Berlin. Nach der Wende mehrte sich das Interesse an seiner Arbeit, er feierte literarische Erfolge, bis Mitte der 1990er Jahre bekannt wurde, dass Fries Verbindungen zum Staatssicherheitsdienst der DDR gehabt hatte. Wie komplex und tragisch das war, erklärt Böttiger sehr anschaulich. 
Erst die Kunst vermag der Zeit einen Sinn zu geben, sie aus den Widersprüchen hinauszuführen, zu einer neuen Einheit. 

Quelle: Fritz Rudolf Fries – Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies

Jenseits von Zeit und Raum 

Was an diesem Buch so überaus erstaunt, ist nicht allein das über die Maßen Kundige des Autors, sondern die schillernde Lebendigkeit der Gedanken. Die Themen sind ebenso wenig chronologisch geordnet wie die Veröffentlichung der Essays, Beiträge und Artikel ab den späten 1950er Jahren bis zu Fries‘ Tod 2014.  Texte über Ritter- und Schelmenromane stehen auf gleicher Höhe neben solchen über Federico García Lorca und Octavio Paz. Die Werke sind eingebunden in eine überzeitliche Ordnung, die ihnen Frische und Aktualität verleiht.  Fritz Rudolf Fries hat sich aus den Büchern, mit denen er sich umgab, ein eigenes fantastisches Universum erschaffen. Die Dichter sind seine imaginäre Familie. Es ist eine Männerwelt – und Fries richtet den Blick gern auf Autoren, die wie er in einem von Frauen beherrschten Haushalt aufwuchsen.

Ein spielerischer Zauber

Böttiger komponiert aus den Texten einen bilderreichen Kosmos jenseits von Zeit und Raum. Wir bewegen uns mit Leichtigkeit durch die Jahrhunderte, wechseln Orte und Perspektiven, schweben von Cervantes über Huchel und Pynchon bis zu Daniel Kehlmann.  So entsteht ein spielerischer Zauber. Schier schwerelos gleiten wir durch die poetologischen Lüfte. Gleichwohl besitzt Fries‘ ästhetischer Standpunkt stets etwas Geerdetes, weil er die Produktionsbedingungen im Blick behält.  „Dass Fritz Rudolf Fries ein DDR-Schriftsteller war, ist vielleicht auch bloß ein Zufall“, schreibt Böttiger lakonisch. Aber nein, das ist es nicht. Lesen Sie selbst. 

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