20.000: So viele Bücher könnte ein Mensch im Laufe seines Lebens lesen, wurde einmal errechnet. Nun ja. Vermutlich gab es noch nie viele Leserinnen oder Leser, die auch nur in die Nähe dieser Zahl gekommen sind. Heutzutage mehren sich aber die Anzeichen, dass Bücherliebhaber generell zu einer aussterbenden Spezies gehören. Selbst in den Geisteswissenschaften scheint der Griff zum Buch aus der Mode gekommen zu sein.
Auf die Frage, wer denn die Texte für die heutige Sitzung gelesen hat, heben die üblichen zwei bis drei Studierenden ihre Hand, der Rest guckt betroffen oder indifferent in die Gegend. »Wer von Ihnen hat ein Bücherregal?«, entfuhr es mir vor nicht allzu langer Zeit in einem solchen Moment.Quelle: Christoph Engemann – Die Zukunft des Lesens
Neue Lese-Dienstleister
Eine Frage, die die Hälfte seiner Studierenden nicht einmal verstanden habe, so Christoph Engemann. Dabei gehört der Bochumer Medienwissenschaftler durchaus nicht zur Riege der Alarmisten. In seinem neuen Buch mit dem Titel „Die Zukunft des Lesens“ versucht er vielmehr neugierig-beschreibend die sich abzeichnenden Veränderungen zu verstehen. Und die sind ebenso widersprüchlich wie komplex. So wird nämlich einerseits heute mehr gelesen und geschrieben als je zuvor. Stichwort Social Media. All das Liken, Posten und Kommentieren verschlingt schließlich tagtäglich zahllose Stunden. Der Lesestreik betreffe laut Engemann vielmehr primär literarische oder vor allem wissenschaftliche Bücher, Texte also, für deren Lektüre man Zeit aufwenden und sich gedanklich anstrengen muss. Was solche Werke angeht, so lassen heute viele lesen, sie delegieren die Lektüre quasi. An wen? Einerseits an die KI, die uns in Sekundenschnelle Zusammenfassungen in jeder gewünschten Länge liefern kann. Andererseits, und das ist der spannendste Teil von Engemanns Analysen, an einen neuen Typ von Vermittlern, gewissermaßen die Erben der Rezensenten und Kritiker. Diese neuen Lese-Dienstleister finden sich auf Plattformen wie YouTube oder Spotify und erklären in Videos oder Podcasts alles, was man wissen will: sei es Kants kategorischer Imperativ, Heisenbergs Unschärferelation oder Luhmanns Systemtheorie.Podcasthörer:innen und Konsument:innen von Long-form-YouTubeVideos verlassen sich darauf, dass andere für sie lesen und die Konzentrationsleistung übernehmen. Es sind Leser:innen, die selbst Lesen könnten, aber lesen lassen.Quelle: Christoph Engemann – Die Zukunft des Lesens
Vom „Schreibzeug“ zum „Sprechzeug“
Solche Formate bezeichnet der Universitätsdozent durchaus anerkennend als „neue Vorlesung“. Schließlich werde hier, oft unter akribischer Angabe von Quellen, in der Regel seriös Wissen vermittelt. Aber eben auf eine Weise, die meist unterhaltsam ist und uns – im Unterschied zum Lesen – erlaubt, nebenbei anderen Tätigkeiten nachzukommen, egal ob im Haushalt oder Sport. Was sich dabei abzeichne, so Engemann, sei eine Verschiebung weg von der Schriftlichkeit hin zu Mündlichkeit. Erst die KI hätte es ermöglicht, mündliche Äußerungen jederzeit bei Bedarf in Schrift umzuwandeln und dadurch wiederauffindbar zu machen. Weshalb Engemann den Begriff „Sprechzeug“ einführt – in Analogie zu „Schreibzeug“.Lohnt die Mühe
Jungen Menschen, die ihre Brötchen im Bereich der Wissensvermittlung verdienen wollen – und die früher vielleicht Journalisten oder Buchkritiker geworden wären –, rät der Medienwissenschaftler, durchaus konsequent, ihr Glück heute lieber im Bereich Podcast zu suchen. Ob Christoph Engemann selbst auf diesen Plattformen Erfolg hätte, sei allerdings dahingestellt. Dazu ist der Duktus seiner medienwissenschaftlichen Reflexionen zu sehr dem akademischen Bereich verhaftet und das Abstraktionsniveau seiner Wissenschaftsprosa zu hoch. Engemanns „Die Zukunft des Lesens“ verlangt seiner Leserschaft also einige Mühe ab. Aber eine, die sich lohnt, so erhellend sind Engemanns Beobachtungen. Wer sich diese Mühe aber nicht antun will, darf immerhin hoffen: darauf nämlich, dass ihm ein findiger YouTuber Engemanns Thesen nacherzählt.Fler avsnitt av SWR Kultur lesenswert - Literatur
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