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SWR Kultur lesenswert - Literatur

Drei Tage im Sommer

5 min12 juni 2026
Eddi ist fünfzehn Jahre alt. Und sie hat ziemlich viel Zeit. Genaugenommen drei Tage, also eine Ewigkeit für eine Halbwüchsige ohne Plan. Zu Beginn sitzt sie auf einem Campingstuhl auf dem Trainingsgelände eines Sportinternats in der Nähe von Neubrandenburg, an dem ihre Eltern unterrichten. Eddi lutscht hingebungsvoll an ihrem Eis. In drei Tagen steht der Umzug nach Japan an, wo die Eltern eine neue Herausforderung suchen, nachdem die Mutter in Schwierigkeiten geriet. Angeblich hat sie im Schwimmkurs eine Schülerin schikaniert. Eddi – so heißt auch dieser Roman von Andreas Martin Widmann – weiß nichts von Japan und will nicht dorthin. Drei Tage sind ihre Galgenfrist. Aber was tun, mit der Zeit, die ihr bleibt? Was tun, wenn man nichts zu tun hat? „Bis ich das Eis gegessen habe, fällt mir etwas ein, dachte Eddi, und was mir einfällt, werde ich dann machen. Von dem orangefarbenen Mantel war im oberen Bereich nur wenig übrig. Eddi hatte ihn Stück für Stück mit den Zähnen abgeschält und auf die Zunge gelegt, und jetzt war auch der Umgang mit dem weichen weißen Inneren ein Wettlauf mit der Nachmittagshitze.“ Doch eigentlich fällt Eddi nichts ein. Zurück in der Wohnung zieht sie sich eine Trainingshose an und sperrt sich dann versehentlich aus. Und so beginnt eine Abenteuerreise, ein Road-Trip über mehrere Stationen, der Eddi zuerst zu den Eltern eines kleinen Jungen führt, bei dem sie gebabysittet hat, dann in ein Haus am Waldrand, wo ihr eine seltsame Friseuse die Haare rosa färbt, und schließlich mit einem geklauten Fahrrad zurück aufs Internatsgelände, wo sie in der Junggesellenabschiedsparty eines Basketballstars landet, die ein dramatisches Ende findet. Das ist rasant erzählt, erinnert in der raschen Abfolge unverbundener Episoden ein wenig an Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ und lässt das Vorbild Holden Caulfield aus J.D. Salingers „Fänger im Roggen“ erkennen, an dem sich Widmann offensichtlich orientiert hat. Rollenspiel und Identitätswechsel Schon sein 2012 erschienener Debütroman „Die Glücksparade“ hatte einen Fünfzehnjährigen zum Protagonisten. Widmann ist also auf dieses Alter spezialisiert. Neu sind nun die weibliche Hauptfigur und der Schauplatz im Osten, doch beides ist nicht wesentlich, denn der Roman könnte überall spielen, und wichtiger als ihr Geschlecht ist Eddis Alter, ihre Impulsivität, die Radikalität ihres Erlebens, und ihre Lust, mit der eigenen Identität zu spielen. Deshalb besucht sie auch eine Laienschauspielgruppe, wo es in der Improvisationsübung darum geht, in andere Rollen zu schlüpfen und eine Geschichte dazu zu erfinden.
Ihr fiel immer etwas ein, aber sie wusste nie, was es sein würde; oft überraschte sie sich selbst mit dem, was sie spontan sagte, und sie genoss den Nervenkitzel, der genau daher kam, dass es plötzlich passierte.

Quelle: Andreas Martin Widmann – Eddi

Die Lust am Überraschungseffekt gilt nicht nur für die Theatertruppe, sondern für Eddi in jeder Lebenslage. Der Roman lebt von ihrem Charme und ihrer jugendlichen Aufgewecktheit. Frechheit und Angst, Neugier und Fluchtimpulse wechseln einander ab, und jedes Kapitel endet mit einem Knalleffekt, der, wie in einem Computerspiel, die Tür zur nächsten Episode öffnet. Widmann schreibt filmisch, wie mit einer Kamera. Er beschreibt detailliert, benennt jede Einzelheit, Formen und Farben. Das klingt dann etwa so: „Ein Maisfeld stand hoch wie ein Brückengeländer da, und die Stängel und Blätter hatten die Farbe von alten Besenstielen. Es grenzte an einen Acker, der umgepflügt war. Die Erde auf dem Acker war von mattem Braun, das Gras auf der Wiese daneben war verblichen. Einmal kam ihr ein weißer Lieferwagen entgegen, und kurz danach überholte sie ein Auto, ohne langsamer zu werden, es raste geradezu.“ Schreiben mit der Kamera All das tut nichts zur Sache. In einem Film wäre es ein beiläufiger Schwenk über die Landschaft. In einem literarischen Text aber sollte nichts zufällig vorkommen. Im Film muss jede Szene ausstaffiert sein, es geht nicht anders. Literatur aber droht daran zu ersticken, wenn ständig alles benannt wird, ohne dass das irgendwelche Konsequenzen hätte. Leider bedeuten bei Widmann zu viele Dinge nichts. Sie sind einfach da. Auch Personen treten auf und wieder ab, wie Eddis Bruder, der einmal anruft, ansonsten aber keine Rolle spielt oder die Leiterin der Theatergruppe. Sie gehen vorbei und hinterlassen keine Spuren. Das gilt für die Einzelheiten ebenso wie für den ganzen Roman. Das ist alles schön geschildert, atmosphärisch dicht, angenehm und leicht zu lesen, gut gemacht und grundsympathisch. Mehr aber auch nicht. Es gibt keine Bedeutungsebene, die über das Geschehen hinausreichen würde. Es geht um nichts, nur darum, dass ein fünfzehnjähriges Mädchen viel zu viel und viel zu wenig Zeit hat und so allerhand Ungeplantes erlebt.

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