Landpfarrer – bei dieser Berufsbezeichnung schwingt eine gewisse Gemütlichkeit mit. Man stellt sich einen jovialen, dem Genuss nicht abgeneigten Geistlichen vor, der sich mit seinen Schäfchen ins Einvernehmen zu setzen weiß.
Der tagebuchschreibende Landpfarrer in Georges Bernanos‘ Roman ist von diesem Bild jedoch so weit entfernt wie nur möglich: ein dürrer, magenkranker Mann von Anfang Dreißig, ganz zerfurcht und zergrübelt von seinem Ringen mit Gott. Und verzweifelt, wenn er wieder einmal ins spirituelle Funkloch gerät.
1920, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, tritt er seinen Dienst in der nordfranzösischen Gemeinde Ambricourt an. Den Ort beschreibt er als religiöse Steppe:
„Plötzlich tauchte das Dorf vor mir auf: die Häuser dicht gedrängt, armselig unter dem trüben Novemberhimmel. Feuchter Nebel hing über dem Dorf, das wie ein erschöpftes Tier im nassen Gras lag. Und dies ist meine Pfarrei. (…) Meine Pfarrgemeinde ist von Gleichgültigkeit zerfressen. In vielen anderen Pfarrgemeinden ist es genauso. Die Lethargie breitet sich vor unseren Augen aus…“
Hier lebt der namenlos bleibende Landpfarrer nun in ärmlichsten Verhältnissen. Seinen Auftrag nimmt er bitter ernst. Er will die verstockten Menschen aus der Lethargie holen.
Denn die Säkularisierung; so die Diagnose von Bernanos, hat längst auch die Provinz erreicht – erst recht in Frankreich, wo es seit der Aufklärung eine starke Tradition des Antiklerikalismus und Laizismus gibt.
Brot und Wein
Der Landpfarrer bleibt ein Fremder im Dorf, bald gilt er als Sonderling und Alkoholiker, weil er sich wegen seiner chronischen Magenschmerzen eine Diät aus schlechtem Wein und trockenem Brot verordnet hat.
Dennoch gibt er sich Mühe bis zur Erschöpfung, unterrichtet die Kinder, die ihn provozieren, besucht die Kranken und die Familien. „Wie behutsam ich auch vorgehe – selbst wenn ich es meide, das Wort Gott in den Mund zu nehmen, liegt es immer irgendwann in der Luft, und die Mienen, die sich geöffnet haben, schließen sich plötzlich wieder. Sie werden düster. (…) Die jungen Leute haben mir den Spottnamen ‚Tristgesicht‘ verpasst.“ Als strenger Mentor nimmt sich Abbé Martin seiner an, ein robuster und erfahrener Kollege, Pfarrer einer Nachbargemeinde. Mit scharfen Worten kritisiert er den schwärmerischen Idealismus des jungen Landpfarrers. Und bringt einen pragmatischen seelsorgerischen Realitätssinn zur Geltung, der die Menschen nimmt, wie sie nun einmal sind. Es gibt wenige Werke der literarischen Moderne, die zugleich so entschieden auf christlichem Grund stehen, auch wenn dieser stark erschüttert ist. Auf fast jeder Seite liest man – oft aphoristisch geschliffene – Reflexionen über Gut und Böse, über die Theologie der Armut, den geistlichen Ertrag des Leidens, die Heiligen, das Opfer oder die Versuchung des Selbstmords. Es ist eine teils befremdliche, aber auch faszinierende Gedankenwelt. Die Form des Tagebuchs Die Tagebuchform sorgt für die subjektive Perspektive, die Erlebnisnähe sowie die Dringlichkeit des Selbstgesprächs, aber diese Form wird von Bernanos nicht streng genommen. So gibt es keine Datumsangaben, und vor allem die langen Dialoge haben mit üblichen Tagebüchern wenig gemein. Denn auch wenn die Gemeinde verdorrt erscheint – das Merkwürdige ist, dass der junge Pfarrer mit allen Menschen tiefgründige religiöse Gespräche führt, als würden sie letztlich doch umgetrieben von den letzten Fragen. Ob enttäuschte Frauen wie die Gräfin von Ambricourt, die mit Gott hadert, seit ihr geliebter Sohn gestorben ist und ihr Mann sie notorisch betrügt, ob atheistische Ärzte oder ein Fremdenlegionär – sie alle debattieren mit dem Landpfarrer leidenschaftlich auf Augenhöhe. Metaphysik des Motorrads Auch die Beschreibungen der Landschaft haben eine metaphysische Dimension. Das gilt insbesondere für das kurioseste Kapitel des Romans, „Monsieur Olivier und das Motorrad“, wo der malade Landpfarrer zu dem adligen Fremdenlegionär Olivier auf die schwere, in der Sonne funkelnde Maschine steigt: „Es war der Gesang des Lichts… Die Landschaft flog auf uns zu, öffnete sich nach allen Seiten wie das Tor zu einer anderen Welt. Ich verlor das Gefühl für die Zeit… Die Luft bot nur am Anfang einen Widerstand; dann wurde sie zu einem schwindelerregenden Korridor, einem Vakuum zwischen zwei Luftwirbeln.... Ich spürte, wie die Wirbel links und rechts von mir wie zwei flüssige Wände quirlten.“ Im ausgezeichneten Anhang dieser Ausgabe erfährt man, dass Bernanos hier seine eigene Motorradbegeisterung verarbeitet hat. Drei Jahre vor der Publikation des „Landpfarrers“ hatte er allerdings einen schweren Unfall, der ihn zum Invaliden machte. Die Erfahrung von Schmerz und Leiden hat er ebenfalls auf seine Romanfigur übertragen. Nur dass deren Martyrium eine andere, ernüchternd profane Ursache hat: Magenkrebs, unheilbar.
Dennoch gibt er sich Mühe bis zur Erschöpfung, unterrichtet die Kinder, die ihn provozieren, besucht die Kranken und die Familien. „Wie behutsam ich auch vorgehe – selbst wenn ich es meide, das Wort Gott in den Mund zu nehmen, liegt es immer irgendwann in der Luft, und die Mienen, die sich geöffnet haben, schließen sich plötzlich wieder. Sie werden düster. (…) Die jungen Leute haben mir den Spottnamen ‚Tristgesicht‘ verpasst.“ Als strenger Mentor nimmt sich Abbé Martin seiner an, ein robuster und erfahrener Kollege, Pfarrer einer Nachbargemeinde. Mit scharfen Worten kritisiert er den schwärmerischen Idealismus des jungen Landpfarrers. Und bringt einen pragmatischen seelsorgerischen Realitätssinn zur Geltung, der die Menschen nimmt, wie sie nun einmal sind. Es gibt wenige Werke der literarischen Moderne, die zugleich so entschieden auf christlichem Grund stehen, auch wenn dieser stark erschüttert ist. Auf fast jeder Seite liest man – oft aphoristisch geschliffene – Reflexionen über Gut und Böse, über die Theologie der Armut, den geistlichen Ertrag des Leidens, die Heiligen, das Opfer oder die Versuchung des Selbstmords. Es ist eine teils befremdliche, aber auch faszinierende Gedankenwelt. Die Form des Tagebuchs Die Tagebuchform sorgt für die subjektive Perspektive, die Erlebnisnähe sowie die Dringlichkeit des Selbstgesprächs, aber diese Form wird von Bernanos nicht streng genommen. So gibt es keine Datumsangaben, und vor allem die langen Dialoge haben mit üblichen Tagebüchern wenig gemein. Denn auch wenn die Gemeinde verdorrt erscheint – das Merkwürdige ist, dass der junge Pfarrer mit allen Menschen tiefgründige religiöse Gespräche führt, als würden sie letztlich doch umgetrieben von den letzten Fragen. Ob enttäuschte Frauen wie die Gräfin von Ambricourt, die mit Gott hadert, seit ihr geliebter Sohn gestorben ist und ihr Mann sie notorisch betrügt, ob atheistische Ärzte oder ein Fremdenlegionär – sie alle debattieren mit dem Landpfarrer leidenschaftlich auf Augenhöhe. Metaphysik des Motorrads Auch die Beschreibungen der Landschaft haben eine metaphysische Dimension. Das gilt insbesondere für das kurioseste Kapitel des Romans, „Monsieur Olivier und das Motorrad“, wo der malade Landpfarrer zu dem adligen Fremdenlegionär Olivier auf die schwere, in der Sonne funkelnde Maschine steigt: „Es war der Gesang des Lichts… Die Landschaft flog auf uns zu, öffnete sich nach allen Seiten wie das Tor zu einer anderen Welt. Ich verlor das Gefühl für die Zeit… Die Luft bot nur am Anfang einen Widerstand; dann wurde sie zu einem schwindelerregenden Korridor, einem Vakuum zwischen zwei Luftwirbeln.... Ich spürte, wie die Wirbel links und rechts von mir wie zwei flüssige Wände quirlten.“ Im ausgezeichneten Anhang dieser Ausgabe erfährt man, dass Bernanos hier seine eigene Motorradbegeisterung verarbeitet hat. Drei Jahre vor der Publikation des „Landpfarrers“ hatte er allerdings einen schweren Unfall, der ihn zum Invaliden machte. Die Erfahrung von Schmerz und Leiden hat er ebenfalls auf seine Romanfigur übertragen. Nur dass deren Martyrium eine andere, ernüchternd profane Ursache hat: Magenkrebs, unheilbar.
Ich muss dem Drang widerstehen, mich auf den Boden zu werfen und mich wie ein Tier vor Schmerzen zu wälzen. Gott allein kann wissen, was ich durchmache.Religiöser Existenzialismus Man hat Bernanos als „katholischen Existenzialisten“ bezeichnet. Das ist eine ungewohnte Kategorie, haben doch gerade die französischen Existenzialisten eine Welt geschildert, in der alle religiösen Absicherungen und Sinnstiftungen verloren gegangen sind. Genau diesen drohenden Verlust aber nimmt – als Christ – auch Bernanos ins Visier. So wundert es nicht, dass der frühe Sartre von ihm beeinflusst wurde. In seinem zwei Jahre nach dem „Landpfarrer“ erschienenen Durchbruchsroman „Der Ekel“ treibt er den kriselnden, mit seiner Umgebung stark fremdelnden Ich-Erzähler auf ähnliche Weise in die tagebuchartige Selbstentblößung. Die Neuübersetzung des „Landpfarrers“ von Bernhard Lang ist schlackenlos und liest sich wie ein Original. Der Clou dieser bibliophilen Ausgabe ist jedoch ein ausführliches Glossar, das die Grundbegriffe der komplexen religiösen Gedankenwelt vermittelt, die zum Verständnis des Romans hilfreich sind und nicht mehr vorausgesetzt werden können. Mögen auch wir von der religiösen Indifferenz und „Lethargie“ befallen sein – noch immer zieht die Intensität dieses spirituellen Romans in den Bann, der einst für Leser wie Dietrich Bonhoeffer, Sophie Scholl, Heinrich Böll, Josef Ratzinger oder Peter Handke eine prägende Lektüre war.Quelle: Georges Bernanos – Tagebuch eines Landpfarrers
Fler avsnitt av SWR Kultur lesenswert - Literatur
Visa alla avsnitt av SWR Kultur lesenswert - LiteraturSWR Kultur lesenswert - Literatur med SWR finns tillgänglig på flera plattformar. Informationen på denna sida kommer från offentliga podd-flöden.
