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Hilmar Klute – Im Traum suche ich immer das Weite

4 min27 maj 2025
Junger Mann mit hochfliegenden Plänen zieht hinaus in die Welt – und findet, nach diversen Abenteuern, seinen Platz im Leben: So verläuft der klassische Bildungsroman. Der SZ-Journalist Hilmar Klute aber stellt dieses Erzählschema in seinem neuen Roman auf den Kopf. Denn sein Jungautor Volker Winterberg hat gleich zu Beginn seinen Aufbruch in West-Berlin abgebrochen – und ist in seine Heimatstadt Bochum zurückgekehrt. Oder wie der 21-Jährige selbst zerknirscht bekennt: 
Ich hätte abhauen sollen. Aber ich war zu träge gewesen oder zu feige oder beides, keine Ahnung. Und ich wollte meinen sterbenden Großvater nicht zurücklassen, weil er mir, als ich ein Kind war, die schönsten Geschichten erzählt hatte. 

Quelle: Hilmar Klute – Im Traum suche ich immer das Weite

Tagträumerei und Biertrinken 

Der eigentlich genretypisch nach fernen Abenteuern dürstende Aufbruchsheld bleibt in Klutes Coming-of-Age-Roman also im Nest hocken – und sträubt sich im Jahr 1987 erst einmal lange gegen die eigene Schreibberufung. Etwas arg lange, sollte man an dieser Stelle vielleicht schon mal sagen. Denn lebens- und entscheidungsscheu verbringt der junge Winterberg erst einmal einen längeren Zeitraum mit Vermeidungsstrategien.  Er schreibt sich für ein Germanistikstudium an der Bochumer Universität ein, obwohl er von wissenschaftlicher Textanalyse nichts hält. Er tändelt unschlüssig mit seiner West-Berliner Gelegenheits-Geliebten Katja herum, obwohl er längst weiß, dass er nicht in sie verliebt ist. Und: Er entflieht den notwendigen Risiko-Entscheidungen seines Lebens mit viel Tagträumerei und viel Biertrinken in Bochumer Kneipen, begleitet vom besten Freund Leo: 
Die Abende verliefen stets nach dem gleichen Muster. (…) Irgendwie saßen wir beide in einer Art Zeitschleife fest, Leo und ich.

Quelle: Hilmar Klute – Im Traum suche ich immer das Weite

Jugendliche Verpeiltheit 

Am Anfang von Klutes Roman herrscht also viel Leerlauf dank jugendlicher Verpeiltheit. Das aber ist nicht das dramaturgische Problem der ersten hundert Seiten, sondern eher die auffällige Leidenschaftslosigkeit des Helden. Denn so sehr Winterberg auch ständig von anderen für seine Texte gelobt und zum Weiterschreiben ermuntert wird, so mut- und visionslos verharrt er doch zunächst in Lethargie. Seine Freundin Katja bringt diese rätselhaft teilnahmslose Haltung einmal so auf den Punkt:  
An Tatsachen bist du nicht interessiert, aber an Träumen irgendwie auch nicht. Und an mir am bist du am allerwenigsten interessiert.

Quelle: Hilmar Klute – Im Traum suche ich immer das Weite

Glücklicherweise aber hat Klute diese nicht unbedingt sympathische Oblomov-Trägheit seines autofiktionalen Helden offenbar selbst gespürt – und ihm darum gleich zwei aufrüttelnde Spiegelfiguren an die Seite gestellt. Zum einen Winterbergs Malocher-Großvater: Einen unheilbar an Staublunge erkrankten ehemaligen Kohlekumpel, der für den Enkel zum Memento Mori wird. Und zum anderen den abenteuerlustigen Leo, der seinen Zauder-Freund schließlich zur Interrail-Tour überreden kann.  

Interrail-Trip als Erweckungsfahrt 

Diese Zugreise quer durch das noch politisch geteilte Europa vor dem Mauerfall bringt nicht nur den Plot wohltuend in Schwung, weil die beiden Freunde es bis ins sozialistische Ungarn schaffen – und dort Begegnungen mit weniger privilegierten Europäern machen. Der Interrail-Trip wird für den gehemmten Winterberg auch vor allem seelisch zur Erweckungsfahrt, bei dem er endlich erkennt, dass man beim Kampf für einen Lebenstraum aufs Ganze gehen muss und keine Angst vor Blamagen haben darf. Von daher entwickelt der Zauderer nun endlich jenen ungestümen Elan, den visionäre Künstler doch so dringend brauchen – und der sie so ungemein betörend macht.   Und spätestens, wenn Winterberg dann kurz vor Schluss von einem hinreißend knarzigen Jugendbuch-Autor Michael Ende endgültig der verblasene Kopf gewaschen wird, verzeiht man ihm und seinem Schöpfer den schniefig verstolperten Anfang. 

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