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Jean-Baptiste Andrea – Was ich von ihr weiß

4 min11 augusti 2025
Kleiner Mann, ganz groß. Michelangelo Vitaliani, der Held des Romans von Jean-Baptiste Andrea, wird 1904 in ärmliche südfranzösische Verhältnisse geboren und wegen seiner Kleinwüchsigkeit verspottet. Aber er hat ein Jahrhunderttalent, das sich über alle gesellschaftlichen Hindernisse Bahn bricht.   Als Jugendlicher wird er zu seinem Onkel Alberto nach Italien geschickt, um das Handwerk der Bildhauerei zu erlernen. Und nicht zufällig heißt er Michelangelo. Bald überflügelt er den trinkfreudigen Alberto, dank seines ganz besonderen Verhältnisses zum Stein:  
Der Stein hat immer zu mir gesprochen, alle Steine, Kalksteine, metamorphe Gesteine, selbst Grabsteine, ebenjene, auf die ich mich bald legen sollte, um mir die Geschichten der dort Ruhenden anzuhören.

Quelle: Jean-Baptiste Andrea – Was ich von ihr weiß

Auf Gräbern liegen und den Toten zuhören, das ist eine Obsession seiner Lebensfreundin Viola. Die beiden sind füreinander geschaffen, auch wenn sie nie wirklich zueinander finden – Voraussetzung für eine wechselvolle, melodramatische Romanhandlung.  

In Adelskreisen 

Viola ist die Tochter der reichen Adelsfamilie Orsini, bei welcher der junge Bildhauer seine ersten Karriereschritte absolviert, immer im Bann des eigensinnigen Mädchens. Viola hat eine Bärin gezähmt, und sie fügt sich nicht in die Rollenerwartungen einer effizient zu verheiratenden, den Nachwuchs sichernden Orsini-Erbin. Stattdessen bastelt sie an Flugapparaten und träumt von der Überwindung der physikalischen wie patriarchalen Schwerkraft. Bis sie nach einem kühnen Sprung am Hang eine fatale Bruchlandung erleidet: 
Der Mistral packte Viola, schüttelte sie, zerrte sie seitwärts, ließ sie plötzlich um sich selbst rotieren. Trotz der Höhe hörten wir sie schreien. Nicht vor Angst, sondern vor Wut. In der nächsten Sekunde hatte sich das Segel verdreht. Viola stürzte plötzlich herab, ein herumwirbelnder wütender Ikarus, stieß aus dreißig Meter Höhe hinein in eine Masse von Grün, Waldgrün, verschwand zwischen den Bäumen.

Quelle: Jean-Baptiste Andrea – Was ich von ihr weiß

Höhenflüge und Abstürze 

Viola überlebt mit schwersten Verletzungen, und auch die Freundschaft ist danach nie wieder, was sie war. Stattdessen konzentriert sich Vitaliani nun ganz auf seine Kunst, schafft Meisterwerke, stürzt auf andere Weise ab, rappelt sich wieder auf, bekommt verführerische Angebote und Aufträge von den Faschisten: 
Die Regierung braucht Leute wie Sie. Dem Volk mangelt es an Vorstellungskraft. Wir müssen ihm etwas geben, was es sehen kann. Hätten Sie Interesse, für uns zu arbeiten? Der Duce weiß sich gegenüber seinen Künstlern und Wissenschaftlern großzügig zu zeigen. 

Quelle: Jean-Baptiste Andrea – Was ich von ihr weiß

Diese Kollaboration wird sich – nicht unerwartet – als ungut erweisen. In der Geschichte vom Aufstieg des genialen Künstlers Vitaliani aus den Schlacken der Herkunft sind viele literarische Muster zu finden – ein bisschen „Parfum“, ein bisschen „Blechtrommel“. Der Roman ist erzählt in der Ich-Perspektive, zwischendrin melden sich aber auch andere Stimmen zu Wort – ein Professor, der die mysteriöse Wirkung von Vitalianis später „Pietà“ erforscht, oder der Abt des Klosters, in dem Vitaliani nach einer weiteren Katastrophe sein letztes Refugium findet.  

Kinostil mit Sentenzen 

Jean Baptiste Andrea hat Drehbücher geschrieben und Regie geführt. Das merkt man dem Roman an. Er hat weite, spannende Erzählbögen und viele intensive, filmisch geschilderte Szenen. Zwar bespielt er große Themen wie den Ersten Weltkrieg, den italienischen Faschismus, die Verfolgung der Juden, die Kollaboration und Korruption der Eliten. Das bleibt jedoch eher Kulisse für einen süffig erzählten Roman, der weniger auf Erkenntnis als auf gute Unterhaltung zielt, bei allen großen Gefühlen aber nicht ins Kitschige abrutscht. Dafür sorgen die straffe, prägnante Sprache und der bisweilen fast sentenziöse Schliff der Reflexionen. „Was ich von ihr weiß“ ist bestes Popcorn-Buchkino. Das man in Frankreich dafür den höchsten Literaturpreis bekommt, ist bemerkenswert. 

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