Es geht schon wüst los: erstmal kopfloser Sex in Manila, dann haut der Mann ab, die Frau ihm tobend hinterher, denn sie ist schwanger. Das alles auf den ersten fünf Buchseiten. Und auf Seite 6 ist das Kind dann auch schon da: Guada rutscht in die Welt, die Hauptfigur in Jessica Zafras turbulentem, ja, zuweilen überturbulentem Roman „Ein ziemlich böses Mädchen“.
Der Kopf des Babys war so groß, dass die kleinste Bewegung es umfallen ließ. Als es nach einer Rassel griff, die Nani auf der Matratze neben ihrem Gitterbett hatte liegen lassen, fiel es kopfüber auf die Matratze und weckte dabei ihre erschöpfte Mutter. Die kleine Guada, völlig unversehrt, machte keinen Mucks, aber Siony reagierte so hysterisch, dass man meinen konnte, der Schädel des Babys wäre zerschmettert und die Hirnmasse würde sich über das Laken ergießen. Siony hatte schon immer einen Hang zum Dramatischen, aber das Muttersein steigerte dies nochmal.Quelle: Jessica Zafra – Ein ziemlich böses Mädchen
Ein Anwesen namens „Alhambra“
Ganz schön überspannt, diese Siony! Als sie einen Job als Köchin bekommt, zieht sie gemeinsam mit ihrer Tochter als Bedienstete in das hochherrschaftliche Haus der Almagros. Guada – inzwischen ein Schulkind – freut sich vor allem über die Bibliothek im Südflügel. Weil die Almagros kolonialspanischer Herkunft sind, trägt ihr Anwesen den pompösen Namen „Alhambra“. Ja, Jessica Zafra kann ziemlich polemisch sein. Aus ihrem Roman spricht deutlich die geübte Kolumnistin. Sie kann auch herrlich hochnäsig klingen, wenn Westler Weltgeschichte zu schreiben versuchen.Die Bibliothek im Südflügel war nicht zu verwechseln mit der beim Orchideengarten, in der die vererbte antiquarische Buchsammlung von Don Placido inklusive einer etwas schadhaften Originalabschrift des Protokolls des Konzils von Trient zu finden war, ebenso wie der Boxer Codex, die Erstausgabe der über fünfzig Bände umfassenden Reihe The Philippine Islands von Blair und Robertson und, hinter feuerfestem Glas verschlossen, die Tagebücher des ersten Almagro, der die Philippinen erreichte zusammen mit dem Adelantado Legazpi.Quelle: Jessica Zafra – Ein ziemlich böses Mädchen
Religion und Aberglauben auf den Philippinen
Konquistadoren des 16. Jahrhunderts. Entsprechend sorglos haben sich die Almagros über die Jahrhunderte bereichert. Bis in die Gegenwart des Romans – die 1980er und 1990er Jahre – zählen sie zur hellhäutigen Oberschicht. Deshalb ist dies – wie so viele philippinische Bücher – auch ein bissiger Roman über Klassenunterschiede. Zudem erzählt Zafra von Arbeitsmigration und vom sehr philippinischen und durchaus wahnhaften Mix aus Religion und Aberglauben. Alle paar Seiten werden Marienerscheinungen beschworen und Amulette gezückt, Karten gelegt und Geister belauscht. Ein Kind wird auf den Namen Jejomar getauft, einen Zusammenschnitt aus Jesus, Josef und Maria.Amen. Amen. Und nochmal Amen.Quelle: Jessica Zafra – Ein ziemlich böses Mädchen
Sehr geistreich, aber leider verquasselt
Das alles ist eine ganze Weile lang sehr, sehr geistreich. Spätestens auf der Hälfte des Romans aber verliert sich Guadas Geschichte im Gequassel der Figuren mit all ihren witzigen Dialogen, ihrem Hang zu Mobbing und Lästereien und den vielen politischen Kommentaren. So verschwindet das Mädchen streckenweise völlig, taucht erst ein paar Seiten später wieder auf und ist dann plötzlich wieder ein paar Jahre älter. Dabei hätte sie erzählerisch so viel zu bieten gehabt. Schließlich ist sie gar kein „ziemlich böses Mädchen“, wie der Buchtitel irreführenderweise behauptet, sondern ein eher ernstes Wesen. Leider lässt ihr die scharfzüngige Erzählerin keinen Raum, sich zu entfalten. Deshalb zerfällt Guadas Geschichte in ein Gewimmel aus Episoden. Jede für sich ist soziologisch interessant und unterhaltsam sowieso. Aneinandergehängte Episoden machen aber leider noch keinen guten Roman.Fler avsnitt av SWR Kultur lesenswert - Literatur
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