Was haben Musik, Mode und Moral gemeinsam? Sie waren früher alle besser – angeblich. Sich zurückwünschen in vermeintlich sorglosere Zeiten erscheint harmlos, wenn es sich um Kindheitserinnerungen oder den Lieblings-Historienfilm handelt. Doch im politischen Diskurs ist Nostalgie oft kein bittersüßes Gefühl, sondern eher ein Vorwurf.
Die Historikerin Agnes Arnold-Forster meint, wir tun der Nostalgie unrecht, wenn wir sie lediglich zur Begleiterscheinung rechten Gedankenguts herabwerten. Sie möchte dem zwiespältigen und komplexen Gefühl historisch auf den Grund gehen und es rehabilitieren. Dazu nimmt sie uns mit auf eine Reise in die Vergangenheit - ganz ohne Verklärung.
Diagnose: Nostalgie
Chronologisch führt uns die Autorin in zehn Kapiteln durch die Jahrhunderte. Dabei überrascht es, wie viele Narrative offensichtlich immer wiederkommen oder uns nie ganz verlassen:Nostalgie wird bereits seit Jahrhunderten empfunden, diagnostiziert und besorgt diskutiert […]. Auch die Kritik an populistischen Politikern und ihren als Dummköpfen gebrandmarkten Anhängern ist schon Jahrzehnte alt. Man denke nur an die Psychologen nach dem Zweiten Weltkrieg, die chronischen Nostalgikern vorwarfen, in ihrer Entwicklung stehengeblieben zu sein.Was unter „Nostalgie“ verstanden wurde, durchlief immense Verwandlungen. Doch ob als tödliche Krankheit, sentimentales Heimweh oder effektives Marketing-Tool: Stets ging es im Festhalten am Gestern vielmehr um den Umgang mit der Gegenwart, um die Suche nach dem eigenen Platz in einer sich ständig wandelnden Welt.Quelle: Agnes Arnold-Forster – Nostalgie
„Das war schon immer so!“
Arnold-Forster bringt den Lesenden durch zahlreiche Studien und ausführliche Anekdoten die fernsten Zeiten in einem wissenschaftlichen, aber zugänglichen Stil näher. In der Fülle an Material geht sie häufig jedoch so sehr ins Detail, dass die interessanten Fragen, Thesen und Beobachtungen – wie die folgende – des Öfteren untergehen:So etwas wie der Brexit oder Donald Trumps politischer Erfolg widersprechen der weitverbreiteten Vorstellung, dass sich die westliche Welt in eine ganz bestimmte Richtung entwickeln sollte – weg vom Nationalismus und hin zu internationaler Kooperation und politischem Liberalismus. Nostalgie bietet eine ziemlich einfache Erklärung, die es einem erspart, einigen dieser Annahmen und dem potentiellen Schaden, den sie anrichten können, wirklich auf den Grund zu gehen.Quelle: Agnes Arnold-Forster – Nostalgie
Interdisziplinärer Ansatz
In ihrer historischen Rekonstruktion baut die Autorin auf einen interdisziplinären Ansatz - die große Stärke des Buches. Es werden nicht nur historische, sondern auch medizinische, kulturwissenschaftliche und psychologische Aspekte verhandelt, die sehr eindrücklich zeigen, wie unstet Welt- und Körperbilder doch eigentlich sind und dass die wenigsten Dinge „schon immer so“ waren.Deshalb benutzt dieses Buch das Gefühl gewissermaßen als Brennglas, unter dem man Vergangenheit und Gegenwart der Wissenschaft und Medizin genauer betrachten kann, aber auch gesellschaftlichen Wandel […]. Nostalgie ist eine Möglichkeit, unsere Sehnsucht nach der Vergangenheit, unsere Unzufriedenheit mit der Gegenwart, aber auch unsere Vorstellung von der Zukunft auszudrücken.Quelle: Agnes Arnold-Forster – Nostalgie
Ein zeitloses Thema
Das Buch zeigt: Nostalgie ist so vielfältig wie die Menschen, die sie verspüren. Mit ihrer „Geschichte eines gefährlichen Gefühls“ präsentiert Agnes Arnold-Forster einen Text, bei dem es gleichzeitig falsch und genau richtig ist zu sagen, dass er „gerade heute“ relevant ist. Falsch, da es – wie sie darlegt – bei weitem kein Phänomen des 21. Jahrhunderts ist, dass Menschen sich nach Vergangenem sehnen. Aber genau richtig, weil es gerade deswegen schließlich zu jeder Zeit von Bedeutung ist, diese Gefühle zu erkennen und sich differenziert mit ihnen auseinanderzusetzen.Fler avsnitt av SWR Kultur lesenswert - Literatur
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