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SWR Kultur lesenswert - Literatur

Natascha Gangl gewinnt das Wettlesen um den Bachmannpreis

6 min29 juni 2025
Der Bachmannwettbewerb beginnt grundsätzlich mit allerlei Reden von Politikern und Preisstiftern, die das Engagement ihrer Institutionen ausgiebig loben. In diesem Jahr störte Jury-Präsident Klaus Kastberger die aufgesetzt gute Stimmung, indem er auf den kulturellen Kahlschlag der rechtspopulistischen Regierung in der Steiermark hinwies. Die kulturfeindlichen Sparmaßnahmen in Österreich betreffen längst auch Renommierveranstaltungen wie das Wettlesen am Wörthersee. Der traditionelle Bürgermeisterempfang wurde dieses Mal genauso gestrichen wie der Literaturkurs für den schreibenden Nachwuchs.

Eröffnungsrede von Nava Ebrahimi

Nach der Auslosung der Lesereihenfolge wird in Klagenfurt die Rede zur Literatur gehalten – in diesem Jahr von einer ehemaligen Gewinnerin des Wettbewerbs, nämlich von der in Teheran geborenen und in Graz lebenden Schriftstellerin Nava Ebrahimi. Mit „Drei Tage im Mai“ war die Rede überschrieben, die sich über weite Strecken in einer Wehklage über die politischen Verhältnisse der Gegenwart erschöpfte.
Das ist vermutlich der größte Erfolg aller, die nicht mehr an die Bewohnbarkeit dieses Planeten glauben und ihn aufgegeben haben: dass wir dem Sog der Alternativlosigkeit erliegen. Es ist leicht, sich ihm hinzugeben. Es ist bequem. Dem Sog zu entkommen, ist anstrengend. Und wenn wir ihm entkommen sind, was dann? Dann darf da keine Leere sein. Dann erfordert es unsere ganze Vorstellungskraft, mit anderen, besseren Geschichten die Lücke zu füllen.

Quelle: Auszug aus Nava Ebrahimis Eröffnungsrede „Drei Tage im Mai“

Es ging um Krisen und Kriege, um den Klimawandel und mächtige Milliardäre, die sich dem „Endzeit-Faschismus“ verschrieben hätten und die den Rest der Menschheit zur Passivität verdammen würden. Um ästhetische Fragen ging es nur am Rande. Literatur solle unter diesen Prämissen eine aktivistische Position einnehmen, um die Lesenden von anderen, verantwortungsvolleren Narrativen zu überzeugen. 

Nostalgietexte, literarische Höhepunkte und stilistische Überraschungen

Wie aber sah es nun mit der widerständigen und innovativen Kraft der Literatur im Wettbewerb aus? Auf den ersten beiden Lesetagen wurden erstaunlich viele Nostalgietexte vorgetragen. Da gab es klassische Familienerkundungen, Mutter- und Vatersuchen sowie viele Gewaltgeschichten. Eine Nachwende-Erzählung mit ideologisiertem Blick auf die deutsch-deutsche Geschichte, eine alberne Mediensatire in Form einer Slam-Poetry-Suada, die popliterarische Satire einer ernährungsbewussten Abendgesellschaft, ein etwas biederes Sterbe-Drama mit surrealem Ende und ein Avantgarde-Gedicht mit Politformeln. Unfaire Geschlechterverhältnisse und fluide Körperidentitäten wurden in den Geschichten beschrieben, die oft in einem hohen Ton gehalten waren und keineswegs neu klangen, sondern eher wie Variationen schon mal gehörter Bachmann-Texte.

Ingeborg-Bachmann-Preis und Publikumspreis für Natascha Gangl

Immerhin gab es sie noch, die literarischen Höhepunkte und stilistischen Überraschungen. Etwa von Almut Tina Schmidt und ihren Story-Splittern aus einem großstädtischen Wohnhaus, ausgezeichnet mit den 3-sat-Preis. Die filigrane Reflexion über die Sprache in autoritären Systemen von Boris Schumatsky erhält den Deutschlandfunk-Preis. Und Natascha Gangl wird für ihre kunstfertige, nämlich audiovisuelle Poesieprosa über Verbrechen im österreichisch-slowenischen Grenzgebiet mit dem Ingeborg-Bachmann-Hauptpreis ausgezeichnet. Außerdem erhält sie den begehrten Publikumspreis für ein Werk, in dem sich auch nach mehrfacher Lektüre immer wieder neue Gedanken und im wahrsten Sinne des Wortes grenzgeniale Formulierungen über eine kontaminierte Landschaft entdecken lassen.  Die Jury war von Gangls und Schumatskys Texten euphorisiert, nachdem sie zuvor eher durch erratische Urteile und dahinplätschernde Diskussionen aufgefallen war. Selbst ein Beinahe-Skandal rund um die Jurorin Mithu Sanyal, die angesichts von Verena Stauffers unmissverständlichem Anti-Putin-Text aus welchen Gründen auch immer „Mitleid“ für den angeblich einseitig beschriebenen Kriegstreiber bekundete, belebte die Debatte nur kurzzeitig. Ernsthaft, unterhaltsam und auch literarisch treffsicher vermochte auch in diesem Jahr nur der einst umstrittene Juror Philipp Tingler sprechen.

Bachmann-Preis-Jubiläum steht 2026

Im nächsten Jahr findet der Bachmannwettbewerb zum 50. Mal statt. Wenn sich die Veranstaltung nicht endgültig in ein Literaturmuseum verwandeln möchte, müssen insgesamt bessere, originellere, sprachlich wie inhaltlich wirklich mitreißende Texte ausgewählt werden. Vielleicht wird rechtzeitig zum Jubiläum auch die Jury neu aufgestellt, um alte Rollenmuster gar nicht erst bedienen zu müssen. Ansonsten lässt sich diese für den Literaturbetrieb und das interessierte Publikum gleichermaßen so wichtige Veranstaltung schon bald wegsparen, ohne dass es in der deutschsprachigen Kulturwelt groß auffallen würde.

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