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Oliver Maria Schmitt – KomaSee

6 min23 maj 2025
Das Spätwerk Woody Allens zeichnet sich durch eine gewisse künstlerische Beliebigkeit aus: Wo immer ihm eine Tourismusbehörde günstige Bedingungen bot, schien es, hat er einen pittoresken Film gedreht. Barcelona, Rom, Paris – you name it. Turismo Como kann nun zwar nicht mit Woody Allen aufwarten, aber immerhin mit Oliver Maria Schmitt und seinem neuen, am Comer See spielenden Roman – Achtung Wortspiel – „KomaSee“. Also vorne mit „K“ und hinten mit „a“, so wie die tiefe Bewusstlosigkeit. Die wunderschöne Kulisse der Lombardei drängt sich immer wieder ins Bild.
Am Tage protzte und prunkte dieser immer leicht überkandidelte Alpensee schon sehr mit seiner aufdringlichen Grandezza, immer wirkte er ein bisschen wie zu stark geschminkt.

Quelle: Oliver Maria Schmitt – KomaSee

Nachfahr der Neuen Frankfurter Schule

Schmitt ist ein legitimer Nachfahre der Neuen Frankfurter Schule, angesiedelt irgendwo zwischen dem Dichter-Star der Satiriker-Gruppe Robert Gernhardt und dem selbsternannten „Klimbim- und Krawallschriftsteller“ Eckhard Henscheid. War den beiden in den 70er Jahren die Zeitschrift Pardon geistige Heimat, so für Oliver Maria Schmitt später die Titanic. Wie Henscheid und Gernhardt ist auch der jüngere, immerhin inzwischen auch schon fast 60-jährige Schmitt in verschiedenen Genres unterwegs. In seinem neuesten Streich verbinden sich sein Faible für die Reisereportage, der Groschen- und Kriminalroman und die Gesellschaftssatire. Nehmen wir es vorweg: Dem Büchnerpreis rückt er mit „KomaSee“ nicht näher, aber vielleicht dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor. Wobei „grotesk“ vermutlich auch die falsche Beschreibung für „KomaSee“ wäre; die Komik ist eher von der robusteren Art, und wie es sich dabei gehört, baut das Personal nah am Klischee: Da ist zuallerst die abgebrannte Papparazza Elena, in Deutschland aufgewachsene Halbitalienerin, die sich eine finanzielle Konsolidierung durch das Schießen kompromittierender Bilder von George Clooney verspricht – der besitzt bekanntlich am Comer See eine stattliche Villa. Ihm fotografisch eine Affäre nachzuweisen, wäre gut fürs Geschäft. Des Weiteren gibt es den für Futurismus und den Duce schwärmenden Aufschneider Faustino, der Elena erfolglos den Hof macht. Eine mafiöse Familie betreibt windige Geschäfte, und das im Rollstuhl sitzende Oberhaupt entpuppt sich als früherer Verehrer von Elenas überdrehter Mutter Sophia. Die wiederum stammt vom Comer See, wo sie seinerzeit den später unter dubiosen Umständen zu Tode gekommenen Terroristen und Tankwart Rudolf kennenlernte.
Diese Liebe wurde von Rudolf Faulhaber aus Titisee-Neustadt erwidert. Schnell habe man geheiratet, in Como, aber nur standesamtlich. Was ihre, Sophias Eltern, die sowieso schon gegen eine Ehe mit einem dahergelaufenen Tankwart aus Deutschland waren, vollends zur Raserei brachte. Vielleicht hatten sie da aber schon eine Art Vorgefühl, sagte die Mutter, denn Rudi war, wie er ihr erst nach der Eheschließung beichtete, in der RAF.

Quelle: Oliver Maria Schmitt – KomaSee

Hohe Pointendichte Ferner gibt es eine Vermieterin von der Sorte zupackende Mamma, die ihren in jeglicher Hinsicht schwer vermittelbaren Sohnemann Eusebio ins Eheglück mit Elena zwingen will. Enkelin Riva schwirrt auch noch als vermurkste Vertreterin der Generation Z durch die Szenerie. Jede und jeder spielt ihre und seine klischeehafte Rolle, und das auch ziemlich gut. Oliver Maria Schmitt kann sehr komisch schreiben, und die Pointendichte nimmt nach anfänglich raumgreifenden touristischen Informationen zu architektonischen Schmuckstücken und historischen Räuberpoistolen immer mehr zu. Schmitt beherrscht das anspielungsreiche Wortspiel mindestens ebenso gekonnt wie den gemeinen Kalauer:
Das war nun der berühmte Tropfen Wein, möglicherweise ein ganz ordentlicher italienischer Tafelwein, der dem Fass die Krone ins Gesicht schlug.

Quelle: Oliver Maria Schmitt – KomaSee

In „KomaSee“ werden so ziemlich alle Themen verhandelt und Materialien verbraten, die auch in der Gala zu finden sein könnten (Superreiche bei einer Oldtimer-Auktion), auf Seite Drei der Süddeutschen (Schlepperkriminalität), im Poproman (Zitate von Tocotronic und anderen Helden der Subkultur), in einer Vorabendserie (Herzschmerz mit Verwicklungen), Politsatire (der Hang Italiens zur Faschismus-Nostalgie) und in einem Politthriller (kam RAF-Terrorist Rudolf wirklich aufgrund von Schussligkeit beim Hantieren mit Sprengmitteln um?). Den ästhetischen Fehltritten von Touristen wird ebenso Aufmerksamkeit geschenkt wie der Eleganz des italienischen Mannes:
„Ein italienischer Uomo gentile würde sich eher beide Beine amputieren lassen, als in der Öffentlichkeit mit Kinderhosen herumzulaufen."
„Und deswegen hasst du diese Menschen?“
„Ich hasse sie überhaupt nicht“, zischte Faustino zwischen den Zähnen hervor. „Es ist nur ganz normale Verachtung. Sie können ja nichts dafür, sie sind auch nur Heimatvertriebene. Am liebsten würden sie in Ruhe und unbehelligt auf ihren hässlichen Sofas sitzen und ihre mobilen Endgeräte streicheln, aber irgendetwas zwingt sie, das Haus zu verlassen und sich in die Fremde zu begeben. Sie sind ja nur Geflüchtete, Verlorene der Zivilisation, auf der Flucht vor der Langeweile und vor sich selbst, Tote auf Urlaub, ragazzi in vacanza.“

Quelle: Oliver Maria Schmitt – KomaSee

Guilty-Pleasure-Lektüre: unterhaltsam, lustig, mitunter total blöd

All das spielt sich also ab auf dem schmalen Grat zwischen Kolportage und Ironie: „KomaSee“ ist Trivialliteratur und gleichzeitig ihre Parodie. Die Lektüre ist ein bisschen Guilty Pleasure, der zugleich durch die eingezogene Metaebene Absolution zuteil wird. Fazit: Keine Pflichtlektüre, aber immerhin kurzweiliger als so manches von Kunstwillen befeuerte Dichtwerk. Unterhaltsam, lustig, mitunter total blöd, manche Witze abgestanden, am Ende ein bisschen auf mythisch machend und auf heitere Weise der absurden Gegenwart auf der Spur. Wie sich überm Comer See manchmal stürmische Winde aus verschiedenen Richtungen gefährlich zu einem tosenden Unwetter vereinen, so verdichten sich in „KomaSee“ verschiedene luftige Ideen zu einem Klamaukgewitter. Wie sagte schon der von Kunstbeflissenheit auch nicht immer ganz freie Tocotronic-Frontmann Dirk von Lowtzow: „Pure Vernunft darf niemals siegen!“

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