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Patrick Lacan und Marion Besançon – Grün

4 min5 oktober 2025
Riesige Städte beherrschen die Welt in Patrick Lacans und Marion Besançons Graphic Novel „Grün“. Bilder aus der Satellitenperspektive zeigen, dass sie sich wie ein Nervengeflecht über die Erde ausgebreitet haben. Die Kontinente und Ozeane sind kaum noch erkennbar. Doch die Natur scheint unbeeinflusst von alldem. In den Städten gibt es Gärten und Parks, sogar Wald. Und unterhalb der gigantischen Autobahnen schlängeln sich Unmengen von Wurzeln durch die Erde, umschlingen Rohre und Drähte. Diesen stummen Wettbewerb um Lebensraum kleiden die Comic-Erzähler nicht etwa ins titelgebende Grün. 

 In zarten Bildern erobert sich die Natur den Raum zurück 

Er findet in Schwarzweiß und vor allem unzähligen Stufen von Grau statt und beginnt harmlos. Überall auf der Welt werden Babys geboren, denen Blätter aus der Nase wachsen. Sie sind gesund und niedlich wie alle Babys. Trotzdem verfallen die Medien in Alarmbereitschaft. 
Reporterin: Anscheinend wurde zunächst versucht, es zu vertuschen. Aber bei der aktuellen Größenordnung ist das unmöglich.  
Ärztin: Wir haben nie versucht, es zu vertuschen. Das ist absurd! 
Reporterin: Wie dem auch sei, Frau Doktor, die Leute fangen an sich Sorgen zu machen. Handelt es sich um eine Epidemie? 

Quelle: Patrick Lacan und Marion Besançon – Grün

Misstrauen gegenüber den Familien breitet sich aus. Gleichzeitig wachsen überall die Pflanzen schneller, verbreiten sich durch Pollen. Bemerkenswert ist: Obwohl es eine Invasion ist, wirkt sie an keiner Stelle so. Denn Marion Besançons Strich ist zart und skizzenhaft. Ihre kunstvoll gezeichneten Bäume und Büsche, die immer üppiger werdenden Wälder kommen fast ohne Konturen aus, sind weich und einladend.   Umso erstaunlicher, dass einige Figuren so panisch auf die Schönheit der Natur reagieren. Was umso mehr irritiert, weil ihre kindlich-weichen Gesichter an die Ästhetik des Manga erinnern. Allen voran kapselt der alleinerziehende Vater Merlin sich ab und radikalisiert sich. Sein Sohn Clarence nimmt die Veränderungen als gegeben hin. Daneben führen Lacan und Besançon in Episoden weitere Figuren ein. Sie leben alle in derselben Nachbarschaft: ein Männerpaar, ein Teenager-Mädchen und seine Mutter, eine Reporterin und ihre Großmutter, ein Paar mit Baby, dem immer mehr Blätter und Zweige wachsen. Wie überhaupt so gut wie alle Figuren irgendwann beginnen, Triebe zu bilden. Sogar Skeptiker Merlin entdeckt auf einem Röntgenbild winzige Zweige in seinem Kniegelenk.  
Merlin: Was ist mit mir? Befreien Sie mich von diesem ...Alptraum, Doktor! (...) 
Arzt: Haben Sie Schmerzen? Wenn nicht, würde ich Ihnen raten, es so zu lassen. In letzter Zeit wurden viele Operationen durchgeführt, aber mit schlechtem Ergebnis. Entweder wächst es wilder nach oder es wird eine Behinderung 

Quelle: Patrick Lacan und Marion Besançon – Grün

Eine Metamorphose vollzieht sich über ein Jahr. Die Jahreszeiten teilen das Buch in seine Kapitel ein: Herbst, Winter, Frühling und Sommer. Die Verwandlung ergreift nach und nach den Figurenreigen, die Städte und schließlich alle Menschen. 

Die Metamorphose ist zu schön, um wünschenswert zu sein 

Mit feinem Gespür für die Dimensionen von Misstrauen und Neugier entwickelt Patrick Lacan die Haltung seiner Figuren, lässt einige der Kleingruppen aufeinandertreffen und mit ihnen auch ihre widersprüchlichen Gefühle zum wuchernden Grün. Verblüffend ist aber, dass Lacan die spannendste Dimension seines Gedankenspiels gar nicht thematisiert: nämlich wie Politik und Wirtschaft auf die sanfte Invasion reagieren. Zwar lässt er militante Pflanzengegner zum Kampf gegen den vermeintlichen Feind auflaufen. Aber das ist schon alles an sichtbarer Gesellschaft. Wenn schließlich im finalen Kapitel, im Sommer, die Comic-Welt und die Buchseiten komplett grün werden, dann ist die Welt, wie wir sie kennen, etwas zu sang- und klanglos verschwunden. Denn die Zweifel, ob eine Natur, die die Individualität des Menschen zerstört, eine wünschenswerte ist, haben in diesem Comic keinen Raum. Und so bleibt nach dem Lesen ein zwiespältiger Eindruck zurück. Trotz der Schönheit der saftig grünen Bilder. 

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