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Volker Reinhardt – Esprit und Leidenschaft

4 min5 maj 2025
Ein Buch, das verspricht 1000 Jahre französischer Kulturgeschichte Revue passieren zu lassen, erweckt zunächst einmal Argwohn. Die Skepsis verfliegt aber bereits nach wenigen Seiten von „Esprit und Leidenschaft“, dem neuen Buch des Neuzeit-Historikers Volker Reinhardt. Das liegt unter anderem an der Struktur des Werks. Reinhardt geht es nämlich nicht um eine ohnehin unmöglich zu leistende Gesamtdarstellung aller künstlerischen und geistigen Strömungen Frankreichs. In rund 70 Kapiteln wirft er viel mehr Schlaglichter auf bestimmte Personen und Werke, die einen maßgeblichen Einfluss auf die kulturellen Entwicklungen nahmen.  

Vom Rolandslied zu den Prestigebauten Mitterrands 

Die Bandbreite der behandelten Themen ist gewaltig. Sie beginnt beim mittelalterlichen Rolandslied, führt über die Werke der Aufklärer und endet bei den Prestigebauten, die François Mitterrand in Paris errichten ließ. Dazwischen geht es unter anderem um die Neuerfindung des Briefes durch Madame de Sévigné im 17., die Phantasien des Marquis de Sade im 18., oder die Revolution der Mode durch Coco Chanel im 20. Jahrhundert. In diesen Kapiteln, die kaum einmal länger als zehn Seiten sind, vollzieht sich ein erzählerisches Wunder. Über den großen Historiker Fernand Braudel schreibt Reinhardt, dass dieser in einer „sehr französischen Tradition“ als Erzähler brilliere, „der aus scheinbar unbedeutenden Episoden Sinn in Form von ‚historischen Tiefenstrukturen‘ zu filtern“ vermöge. Diese Beschreibung trifft auch auf Reinhardts eigene Darstellungskunst zu, wie ein kurzer Auszug aus einem Kapitel über die höfische Kultur des 18. Jahrhunderts veranschaulicht:    „Obwohl er nicht mehr im Schlafzimmer seines Urgroßvaters nächtigte, begab sich Ludwig XV. jeden Morgen nach dem Aufwachen im höchster Eile dorthin, um wie dieser das lever, das ritualisierte Aufstehen und Sich-Ankleiden bzw. Sich-Ankleiden-Lassen zu vollziehen. Ihm war bewusst, dass diese einst über Rang und Status, Wohl und Wehe der Höflinge entscheidende Handlung ihre politische Dimension eingebüßt hatte und dadurch banal, schlimmer noch: unfreiwillig komisch und kontraproduktiv geworden war. Da er keine zeitgemäße Alternative an die Stelle dieser Zeremonie zu stellen wusste, um das Amt des Monarchen neu zu erfinden, fühlte er sich als Gefangener einer übermächtigen Vergangenheit, dazu verdammt, diese um jeden Preis fortzusetzen. Alles andere hätte für ihn und seinen Hof das Eingeständnis des Versagens, ja Selbstaufgabe bedeutet.“

Enzyklopädie ohne Anspruch auf Vollständigkeit 

Die von feiner Ironie getragenen Kapitel stehen jeweils für sich und können trotz vieler Querverweise auch unabhängig und in beliebiger Reihenfolge gelesen werden. So entsteht eine Art Enzyklopädie. Eine Enzyklopädie ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die den kulturellen Kanon zwar ehrt, die unterbelichtete Rolle von Frauen aber auszugleichen versucht. Reinhardt interessiert sich nicht nur für die sogenannte Hochkultur. Über Asterix-Bände oder die Tour de France schreibt er ebenso leidenschaftlich und sachkundig wie über die Gemälde von Antoine Watteau. Da wie dort stellt er erhellende Analysen an, die das Heute nie ganz aus dem Auge verlieren.  
Insgesamt entspricht das Tour[-de-France]-Geschehen nicht dem Bild einer demokratischen Gesellschaft, sondern dem Gefüge der Klientel und ihrem Abhängigkeitsverhältnis, in dem die „Kreatur“ dem „Patron“ unbegrenzten Gehorsam schuldet. Als ein solcher Krieg der Netzwerke kommt das französischste aller Sportereignisse der sozialen und politischen Realität Frankreichs nach Auffassung kritischer BeobachterInnen sehr nahe.

Quelle: Volker Reinhardt – Esprit und Leidenschaft

Voller Esprit und ohne jede Bildungsschwere 

Ausgestattet mit einem untrüglichen erzählerischen Gespür schlägt Reinhardt Schneisen in das unüberschaubare Dickicht des französischen Geisteslebens der letzten Tausend Jahre. Pointiert, voller Esprit und ohne jede Bildungsschwere: Für an Frankreich Interessierte führt kein Weg an diesem Buch vorbei.   

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