Irgendwann halten es Vater Willy und Oma Hulda nicht mehr aus. Sie zitieren Mira zu sich, drucksen ein wenig herum und sprechen aus, was ihnen Sorgen bereitet.
Naja‘, sagte er, sich wegdrehend und aus dem Küchenfenster sehend, ‚du wirkst auf uns ein bisschen … wie soll ich sagen … orientierungslos.‘Die Sorge, man muss es klar sagen, ist nicht ganz unbegründet: Die Minderjährige hat eine Fehlgeburt hinter sich; der Fast-Vater hat sich aus dem Staub gemacht. An ihrer Schule ist sie seltener an- als abwesend. Dann gibt es den eher schlecht beleumundeten Ottes, mit dem sie eine Beziehung eingeht, der aber wiederum selbst ein anderes Mädchen geschwängert hat. Und doch hat Mira einen eigenen Willen, und vielleicht sogar eine Vorstellung von ihrem Leben. Mira ist eine von „Drei Schwestern“, von denen im Titel des neuen Romans von Christian Baron die Rede ist. „Drei Schwestern“ bildet den Abschluss der „Kaiserslauterer Trilogie“, die mit dem autobiographischen Bericht „Ein Mann seiner Klasse“ über den Vater Barons begann und mit „Schön ist die Nacht“ über die Großvätergeneration fortgesetzt wurde. Beides Bücher, die in proletarischem Milieu angesiedelt sind. In der Tradition von Didier Eribon oder Édouard Louis schreibt auch Christian Baron über die „beherrschte“ Klasse, die nach einer kleinen Hochphase der Arbeiterliteratur in den 1970er Jahren ziemlich aus dem literarischen Wahrnehmungsfeld verschwunden war. Kein Wunder, rekrutiert sich der Literaturbetrieb vornehmlich aus der akademischen Mittelschicht.
‚Orientierungslos‘, wiederholte Mira, die ahnte, worauf das hinauslief.“Quelle: Christian Baron – Drei Schwestern
Ein Autor seiner Klasse
Inzwischen wird diese Auseinandersetzung mit Herkunftsscham und Ungleichheit unter dem Stichwort „Autosoziobiographie“ geführt. Etliche von Bildungsaufsteigern oder Milieuwechslern erzählende Bücher sind in den letzten Jahren erschienen. Baron gehört dabei gewiss zu den interessanteren Autoren dieser Welle. Mit „Drei Schwestern“ gräbt er nun noch einmal in fiktionalisierter Form tief in der eigenen Familiengeschichte: Mira ist das Porträt der Mutter als junge Frau. Selbstverständlich tauchte sie schon in „Ein Mann seiner Klasse“ auf, als sensible Mutter, die der Gewalt ihres Mannes Ottes ausgesetzt war. Noch ist in den frühen achtziger Jahren, in denen „Drei Schwestern“ spielt, davon nichts zu ahnen, auch wenn die jüngere Schwester Juli an dem Möbelpacker Ottes kein gutes Haar lässt. Mira steht im Mittelpunkt von Barons Roman: Es scheinen für sie Fluchtoptionen auf. Sie schreibt Gedichte. Und sie ergreift die erstbeste Möglichkeit, aus der Enge und Vorhersehbarkeit ihres Daseins auszubüxen. Mit einem Hallodri namens Tadzio bricht sie nach Berlin auf, landet dort in einer Beziehung mit der mondänen Lucina, die sie zu ermutigen und zu politisieren versucht: Unversehens und sprachlos sitzt die Schulabbrecherin, die sehnsuchtsschwere Reimgedichte verfasst, einmal sogar Michel Foucault gegenüber oder bekommt von Petra Kelly einen Ratschlag erteilt:Am Ende musst du nur den Menschen mögen, den du beim Blick in den Spiegel siehst. Sonst kannst du keinem anderen helfen und nichts bewegen auf der Welt.“Quelle: Christian Baron – Drei Schwestern
Zwischen den Stühlen
Heimisch aber wird sie nicht in der Boheme. Sie spürt sehr wohl, dass ihr im günstigsten Fall mit Gönnerhaftigkeit, im schlimmsten mit Arroganz begegnet wird. Mira verharrt in einer ambivalenten Zwischenposition. Dass ausgerechnet die dritte der drei titelgebenden Schwestern, die um fast 20 Jahre ältere Ella, die sich von ihrer Herkunft radikal gelöst hat und durch Heirat in bessere Kreise aufgestiegen ist, Mira zurück nach Kaiserslautern holen will, ist bemerkenswert. Aber mit Hilfe von Ottes gelingt es, Mira aus der Emigration ins angestammte und vielleicht auch vorbestimmte Leben zurückzulocken, wo ermüdende und schlecht bezahlte Jobs warten – ja, Baron schreibt tatsächlich über Menschen, die arbeiten müssen, um nicht unterzugehen.Wenige Male im Monat sahen sie Filme, für mehr blieb Mira noch keine Zeit, und Ottes arbeitete wie ein Berserker beim Kuhnert, er glaubte noch immer, dass sich sein Einsatz lohnen und er bald befördert werden würde. Dabei legte er sich derart ins Zeug, dass er manchmal am Ende seiner Arbeitstage mit Schrammen am ganzen Körper schon an der Haustür zusammenbrach. Mira päppelte ihn auf, ehe er am nächsten Morgen um sechs schon wieder losfuhr, um reichen Leuten die Umzüge zu machen und von einem besseren Leben zu träumen.“Oma Hulda, eine überzeugte Kommunistin, die sich wenig gefallen lässt; der trinkfreudige und duldsame Vater Willy; die renitente, bestimmte und bestimmende Juli; und die feine Dame Ella: Um Mira herum erschafft Baron ein Tableau an sehr eigenen, durchaus komplexen Figuren. Am interessantesten ist neben Mira vor allem Ella: Sie hat zwar mit ihrer Herkunftswelt gebrochen. Aber in allem, was sie tut und sagt, muss sie diesen Bruch behaupten. Der Stallgeruch verfolgt sie; umso kräftigeres Parfüm trägt sie auf. Alles ist darauf geeicht, keine Spuren zur kleinen Ella mehr erkennen zu lassen.Quelle: Christian Baron – Drei Schwestern
„Drei Schwestern“ im Theater
Am deutlichsten wird das in einer der Schlüsselszenen des Buches: Die drei Schwestern besuchen gemeinsam im Pfalztheater eine Aufführung von Tschechows „Drei Schwestern“. In der Pause schleicht sich eine Bekannte von Ella an die drei heran, und die Situation ist nicht nur für die Klassenaufsteigerin von größter Peinlichkeit, sondern auch für Mira. Sie steht zwischen den Stühlen, versucht den Habitus der feinen Leute zu übernehmen, was ihr aber nicht gelingt. Ella, die sich einerseits rührend um ihre Schwestern kümmert, schämt sich zugleich abgrundtief für sie – weil sie durch sie an ihr zurückgelassenes Leben erinnert und in ein anderes Licht gerückt wird.Gerade wollte Ella los, da sprach die Frau sie nochmal an: ‚Nun sag, Ella, in welchem Verhältnis stehst du denn zu den reizenden jungen Frauen hier?‘
‚Das sind …‘, fing sie an, kurz nur zögernd, ‚das sind Praktikantinnen im Betrieb meines Mannes. Da werden gerade helfende Hände gebraucht bei der Auftragslage, nicht wahr?‘
Juli stand der Mund offen. Die Dame lächelte freundlich (…)Quelle: Christian Baron – Drei Schwestern
Das ungelebte Leben der Eltern
Es liegt eine Tragik in dieser Sequenz, die in klassistischer Literatur geradezu leitmotivischen Charakter hat: Wer den Milieuwechsel schafft, muss mit aller Gewalt – Gewalt gegen sich und andere – die alten Zusammenhänge hinter sich lassen. Eine doppelte Scham entsteht: jene, nicht zu genügen; und jene, die eigene Familie verraten zu müssen, um in der neuen Rolle zu bestehen. Mit Ella ist Baron eine zwiespältige Figur gelungen. Ihre innere Zerrissenheit ist erbärmlich und herzzerreißend zugleich.Abschluss der „Kaiserslauterer Trilogie“ ist eine immense Leistung
„Drei Schwestern“ zeichnet sich durch eine direkte Sprache aus; in ihr soll sowohl Lokal- als auch Zeitkolorit transportiert werden. Es ist kein auftrumpfendes Erzählen, ganz im Gegenteil. Die Dialoge überzeugen meist, wenn auch nicht immer. Gerade in den Berliner Passagen hat man zuweilen das Gefühl, dass den Figuren zu viel angelesenes Wissen über die Zeit, die Kultur und politischen Hintergründe aufgebürdet wird. Im Großen und Ganzen aber ist der Abschluss der „Kaiserslauterer Trilogie“ eine immense Leistung: Sie bewahrt etwas, was der Autor hinter sich gelassen hat und zugleich in sich trägt –vor allem den Schmerz, der vom ungelebten Leben der Elterngeneration rührt.Fler avsnitt av SWR Kultur lesenswert - Literatur
Visa alla avsnitt av SWR Kultur lesenswert - LiteraturSWR Kultur lesenswert - Literatur med SWR finns tillgänglig på flera plattformar. Informationen på denna sida kommer från offentliga podd-flöden.
